Erdbeben in Hatay: “Nicht einmal, um Hilfe zu holen, gab es Medienfreiheit”

Erdbeben in Hatay: “Nicht einmal, um Hilfe zu holen, gab es Medienfreiheit”

In Defne, Hatay, kommt der Wiederaufbau nach dem Erdbeben nur schleppend voran. Bewohner:innen leben in Zelten und fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen.

Hatay rund drei Monate nach den schweren Erdbeben: Von Aufbauarbeiten ist überraschend wenig zu sehen, teilweise türmt sich noch der Schutt neben den eingestürzten Häusern, manchmal ist immerhin er hügelweise gesammelt worden. Hinter fehlenden Fassaden stechen vollständig möblierte Zimmer hervor. Überlebende sind zu Verwandten aufs Dorf gezogen oder leben in Zelten. Direkt neben einem der Zeltlager in Defne sitzen Helfer:innen in einer Lagerhalle, wo sich allerhand Spenden stapeln. Draußen ziert ein Wandgemälde, das an die drei bei Polizeieinsätzen Getöteten Ali Ismail Korkmaz, Abdullah Cömert, Ahmet Atakan erinnert, das Gebäude. Eine der Helfer:innen drinnen ist Feray Aytekin Aydoğan, Vorstandsmitglied der linken Sol Partei.

Aydoğan schildert, wie die Nothilfe für Menschen, die noch unter dem Schutt lagen, durch die Regierung in Hatay blockiert worden sei. “Manche wollten per Twitter melden, wo es noch Überlebende gibt, damit nach ihnen gesucht werden kann. Doch nach wenigen Tagen schon waren soziale Medien nur mehr über VPN zugänglich”, führt sie aus, “nicht einmal, um Hilfe zu holen, gab es Medienfreiheit.”

Meinungs- und Medienfreiheit in der Türkei

Die Medien- und Meinungsfreiheit in der Türkei ist stark eingeschränkt. Auf Protesten müsse man eigentlich immer damit rechnen, dass man verhaftet werde. “Das gehört dazu”, sagt die Aydoğan, die sich seit ihrem 18. Lebensjahr parteipolitisch engagiert; damals noch für den Vorläufer der Sol Partei. Wegen der staatlichen Repressionen äußerten sich kaum mehr Menschen öffentlich zur ihrer Meinung : “Inzwischen haben sie sogar Angst, etwas über die Regierung zu tweeten.”

Aydoğan bestätigt, dass der Eindruck nicht täuscht und die Bauarbeiten an vielen Stellen komplett brach liegen oder noch gar nicht begonnen wurden. Ehrenamtlich habe es zwar Angebote gegeben, aber von vielen Gebäuden müssten freiwillige Helfer die Finger lassen; aus Schutzgründen:

Hier in Hatay wurde viel Asbest verbaut. Das ist ein riesiges Problem. Asbest ist giftig, kann Krankheiten verursachen.

Bislang fehle eine Lösung, wie das Material sicher entfernt und entsorgt werden könne. Bis dahin könne niemand an den betroffenen Gebäuden arbeiten und sie wiederaufbauen. Auch für die Zeltbewohner der Bauschutt ein Gesundheitsrisiko dar. “Anfangs haben die Menschen direkt an ihren Häusern Zelte aufgeschlagen”, schildert sie. Dann sei jedoch von Expert:innen das Risiko festgestellt worden. Da die offenliegenden Fasern so auch die Zeltbewohner erreichen könnten, mussten die Menschen ihren Standort wechseln.

Warten auf Hilfe im Erdbebengebiet

Wer einen zweiten Wohnsitz oder Verwandte auf den Dörfern habe, die weniger betroffen seien, sei inzwischen dorthin gezogen. Viele hätten aber nur das Zuhause in Defne gehabt und harrten nun aus und hofften auf Hilfe – bislang größtenteils vergeblich.

Als Lehrerin beschäftigt Aytekin Aydoğan vor allem auch der Umgang mit Bildung. “In einigen Schulen, die halb zerstört sind, findet weiterhin Unterricht statt”, schildert sie. Teilweise finde der Unterricht auch in Containern statt, aber mehrheitlich an Orten, die nicht sicher, sondern vielmehr einsturzgefährdet seien. Das stelle ein großes Problem dar.

Sympathie vor Qualifikation

Feray Aytekin Aydoğan hat eigentlich Physik auf Lehramt für weiterführende Schulen studiert, darf aber nur als Grundschullehrerin Mathematik unterrichten. Das liegt daran, dass Lehrer:innenjobs von der Regierung zugeteilt werden – und Sympathien über die Berufschancen entscheiden können. “Gegen mich spricht, dass ich eine Frau bin, dass ich keine Muslima bin und dass ich bei der Sol-Partei bin, all das macht Probleme”, führt sie aus. Obendrein hat die Regierung mit Naturwissenschaften sowieso nicht viel am Hut: Die Evolutionslehre sei gar aus dem Lehrplan gestrichen worden, naturwissenschaftliche Fächer stark eingeschränkt. Stattdessen bekämen religiöse Themen mehr Raum im Unterricht.

Auch sonst mangelt es an wichtiger Infrastruktur. Die Krankenhäuser der Region um Hatay wurden besonders schwer getroffen, einige der Gebäude hatten schon vor den Erdbeben schwere Mängel vorzuweisen. “Es sind Notfallkliniken aufgebaut worden, aber die sind von hier aus kaum erreichbar”, erklärt sie.

Kredite von der Regierung

Überhaupt fühlten sich die Menschen in Hatay von der Regierung im Stich gelassen. Statt echter Unterstützung – “Unterbringung ist eine Aufgabe des Staates!” – habe die Regierung den Menschen angeboten, ihre Häuser gegen einen Kredit aufzubauen: “Aber die Leute wollen sich nicht verschulden.” Zudem gebe es durchaus eine Mitschuld durch die Regierung an dem Ausmaß der Zerstörung, das das Erdbeben angerichtet hat: “Statt echter Expert:innen werden Religiöse für alles eingesetzt. Das hat Folgen: Es werden Straßen gebaut, wo man keine bauen sollte, es werden Gebäude gebaut, wo sie nicht sicher stehen und es werden sogar Flughäfen gebaut, wo man keine bauen sollte.”

Aydoğan fürchtet, dass es bis zum Winter noch keine Lösung geben könnte. Zelte seien keine Lösung, wenn es wieder kälter werde. Container müssten her und zwar gut ausgestattete Container. Aktuell gebe es diese nur in weiter entfernten Gegenden. “Die Menschen, die jetzt noch hier sind, müssen aber mehrheitlich hier bleiben. Die Gegend ist stark landwirtschaftlich geprägt; die Menschen müssen in der Nähe sein, um ihre Felder bestellen zu können”, erklärt sie. Viele verweigerten daher einen Umzug weg aus Defne in die eigentlich komfortableren Übergangsquartiere.

Leben in der Parkanlage

In einem der Zeltlager in Defne leben teilweise schon seit Monaten Menschen in den Zelten verschiedener Hilfsorganisationen. Es ist ruhig dort, vereinzelt spielt ein Kind auf einer Wiese. Rund um die Parkanlage stehen zerstörte Gebäude; in der Parkanlage selbst reihenweise Zelte.

Vor einem der Zelte hat Melda auf einer Bank und einem Tisch Puppen und Hygieneartikel ausgebreitet. “Ich hatte vor dem Erdbeben ein Geschäft”, erzählt sie. Das sei genau wie ihr Wohnhaus nun zerstört. Dabei habe sich der Ladenbetrieb nach der Coronapandemie erholt, es sei wieder besser geworden. Doch dann kam das Beben. Sie verkauft hier nun die Produkte, die übrig geblieben sind, eine kleine Auswahl ihres früheren Sortiments. “Die Leute kaufen das, was sie brauchen”, sagt sie und deutet auf Deo und Duschgel. Ob sie eine Perspektive sieht für den Wiederaufbau ihres Hauses? “Leider weiß ich nicht, wann das möglich ist. Aktuell ist es illegal, in die Häuser zu gehen und selbst etwas zu machen”, schildert sie.

Keine Perspektiven in Defne

Etwas weiter hinten im Atatürkpark, der an den Hidropark angrenzt, lebt Meryem ebenfalls mit ihrer Familie. Sie hat vor Kurzem das Angebot erhalten, etwas außerhalb in ein Containerdorf zu ziehen. “Das möchte ich aber nicht; ich mag hier in der Nähe unseres Hauses bleiben.”

Es sei schwierig, sich hier wieder ein neues Leben aufzubauen. Von hier aus sei es praktisch unmöglich, Arbeit zu finden. Auch vorher hat Meryem nicht viel verdient, sie arbeitete als Reinigungskraft in Privathäusern. Jetzt leben sie und ihre Familie von dem kleinen Betrag, den die Regierung für Essen und das Notwendigste zur Verfügung stellt.

Am Tropf des Staates

Ähnlich ergeht es auch Semira und Ali Duman, die hier in den Zelten leben. “Wir sind komplett auf Hilfe der Regierung angewiesen”, betont Semira Duman. Viele der Sachspenden erreichten sie allerdings auch gar nicht; es fehle eigentlich an allem: Kleidung, Unterwäsche und mehr. Seit zwei Monaten lebt sie nun hier, zuvor waren sie auf eigene Kosten untergekommen, doch das Geld sei irgendwann aufgebraucht gewesen.

Wie lange die Situation wohl noch so bleibt? Sie wirkt traurig und wütend: “Bisher haben wir kein Geld von der Regierung bekommen, um wieder aufzubauen.” Ali Duman erklärt, dass es ein Angebot gebe, bei dem man 40 Prozent des Aufbaus selbst zahlen solle, sich also bei der Regierung verschulden müsse. Das halte er für keine echte Hilfe: “Die Regierung lässt uns im Stich.”

Ein tristes Bild

Zeltnachbar Nuretin Eskiocak mischt sich in das Gespräch ein, schildert, dass er eine Tochter beim Erdbeben verloren hat und seine Enkel; die Kinder seiner Tochter. Davor sei die Situation auch nicht wirklich gut gewesen, aber besser. Jetzt gebe es keine Perspektive mehr.

Ali Duman und Nuretin Eskiocak.

Beim weiteren Rundgang bietet sich fast überall dasselbe Bild: Zerstörte Häuser, Menschen in Zelten, vereinzelt Menschen, die versuchen, Halbseligkeiten aus den Häusern zu retten – entgegen eines Verbots, das dagegen erlassen wurde.

Eine dieser Gruppen hält schließlich auch die Militärpolizei auf. Andernorts patrouillieren Bekçi, bekannt als Erdoğans Miliz. Die Berichterstattung samt Fotografierens wird allerdings nicht behindert.

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