Treffen auf Kos: Plötzlich ist der Gaza-Krieg ganz nah

Zwei Männer gehen eine Straße entlang.

Ende September treffen wir auf Kos Geflüchtete aus Palästina. Seitdem haben sich die Ereignisse überschlagen.

Ein Mann mit Brille und schwarzem Hemd steht vor einem Baum.
Mahmoud.

Mahmoud steht auf einem Spielplatz in der warmen Mittagssonne und schaut fasziniert auf die Kamera, die ich eben aus meiner Tasche gewühlt habe. Ich hatte sie zunächst nicht mitgenommen für unser Treffen auf der griechischen Insel Kos. Das dortige Aufnahmelager für Menschen auf der Flucht ist ein geschlossenes Camp und wird streng bewacht. Doch der Spielplatz ist außer Sichtweite der Sicherheitskräfte und sie verirren sich offenbar nicht hierher. Auch von Polizei ist weit und breit nichts zu sehen.

Strenge Kontrollen im Flüchtlingscamp auf Kos

„Darf ich sie mal nehmen?“, fragt er. Ich antworte, dass sie auf manuell eingestellt ist und will ihm die Funktionen erklären, da winkt Mahmoud genervt ab. Mit wenigen Handgriffen findet er sie selbst heraus und schießt ein paar Fotos. Ja, Mahmoud ist tatsächlich ein Kollege von mir, wie er gesagt hat. Das ist offensichtlich. Ein wenig wehmütig gibt er die Kamera wieder zurück. Leihweise möchte er nichts von mir annehmen, denn die Umstehenden raten vehement ab. Jede Kamera würde mit Sicherheit bei der Eingangskontrolle konfisziert werden, da ist sich die Gruppe einig.

Eine teilweise unbefestigte Straße, dahinter hohe Zäune, die eine Art Containerdorf umschließen.
Das “Closed Controlled Access Center” auf Kos.

Mahmoud jedenfalls erzählt, dass er seine Kamera verkaufen musste. Nur so konnte er den Weg nach Europa zahlen, die Schleuser aus seinem Heimatland Palästina und den Weg übers Mittelmeer. Einen legalen Weg nach draußen gibt es für Menschen wie ihn nicht; Menschen, die im Gazastreifen leben. Die wenigsten Länder unterhalten in der Gegend Botschaften und dann sind sie nicht zugänglich für Menschen wie ihn. Man brauche eine Art Passierschein, um über die Checkpoints zu kommen, schildert er.

Drei Frauen sitzen auf einer Bank und reden miteinander.
Rana begleitet Lena bei dieser Recherche und hört den Betroffenen auf ihrer Muttersprache Arabisch zu.

Wieso er seine Heimat überhaupt verlassen hat, frage ich, meine Begleiterin übersetzt ins Arabische, auch wenn Mahmoud ein wenig Englisch spricht, der Vollständigkeit halber. Wir rechnen mit einer Hassrede auf Israel. Ich wappne mich insgeheim schon auf eine Reaktion darauf.

Es ist Ende September 2023, als dieses Gespräch stattfindet. Von dem brutalen Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober ahnen wir alle selbstverständlich noch nichts.

Palästinenser auf der Flucht – vor der Hamas

Zu meinem Erstaunen lautet die Antwort, die allerdings zunächst nicht Mahmoud gibt, sondern Bilal 1Name geändert der neben ihm steht: „Hamas.“ Es ist das erste Wort, das ich höre. Und vorerst das Einzige, das ich verstehe. Das Gespräch findet dank meiner Begleiterin – deren Muttersprache Arabisch ist – größtenteils auf Arabisch statt. Mahmoud jedenfalls stimmt Bilal zu und ergänzt, dass er aber auch wegen der Besatzung des Gazastreifens durch die israelische Armee gegangen sei. Die habe es ihm unmöglich gemacht, einen legalen Weg nach Europa zu wählen. Oder eigentlich ist es der Umgang der übrigen Welt mit Palästina, die ihm den Zugang zum Visum verwehrt hat. Nicht einmal die Länder, die Palästina formell anerkennen, unterstützen die Bevölkerung in dieser Hinsicht.

Die Lage wird immer schlimmer. Man weiß nicht, wann eine Bombe das eigene Haus trifft und ob man stirbt.

Bilal ergänzt, dass auch die wirtschaftliche Lage fatal sei. “Die Preise sind viel zu niedrig wegen der Hamas: Sie verkaufen Dinge nur, um Geldwäsche zu betreiben”, führt er aus. So hätten Händler mit regulären Preisen kaum eine Chance, Einnahmen zu generieren.

Fake-Journalisten verbreiten Fake-News

Mahmoud jedenfalls ist froh, endlich in Europa zu sein; in Sicherheit. Er posiert für ein paar Fotos und bittet darum, dass wir ihm diese zuschicken. Wir tauschen daher Kontaktdaten aus. Es folgt ein bisschen Smalltalk, ein paar Infos über die Gegebenheiten im Camp, nichts Besonderes. Er informiert uns darüber, dass auch andere Journalist:innen aus Deutschland da sind. Ein Deutscher und ebenfalls jemand, der ursprünglich aus Syrien kommt, so wie meine Begleiterin. Wir bekommen die Namen, suchen nach den beiden und finden: Touristen, die Inhalte der AfD teilen. Wir warnen Mahmoud vor dem Kontakt, der interessiert sich offenbar nicht dafür, aber das erfahren wir erst später.

Und dann kommt der 7. Oktober und auf einmal ist alles anders:

Israel rächt sich für den Anschlag. Ein Krieg beginnt, der laut Bekunden der Regierung gegen die Hamas gerichtet ist. Doch sterben bei den Angriffen auf Gaza Tausende Zivilist:innen – eingekesselt und ohne Chance auf ein Entkommen. Hilfsorganisationen machen auf das enorme Leid der Bevölkerung aufmerksam. Angesichts der Vergeltung sieht sich Israel hohem internationalen Druck ausgesetzt. Die Vereinten Nationen üben deutliche Kritik und verabschieden mehrere Resolutionen, bindende Beschlüsse im Sicherheitsrat scheitern an den USA als Schutzmacht. Rund um den Globus gehen Menschen auf die Straße. Auch im Land protestieren Menschen gegen den Krieg und die zuweilen aggressive Rhetorik ihrer Regierung. Dennoch dauert der Krieg bis heute an.

29 getötete Verwandte im Gaza-Krieg

Und dann, an einem Tag im Dezember, postet er eine traurige Story auf seinen Social-Media-Kanälen. Das Haus seiner Familie wurde von einem Sprengkörper getroffen und ist eingestürzt. Sein Großvater und sein Bruder sind tot, weitere Familienmitglieder liegen im Krankenhaus, andere liegen noch unter den Trümmern begraben. Einige Stunden später steht fest: Sie sind tot. Einer seiner Brüder, eine Schwester, seine Mutter, sein Großvater. 29 getötete Verwandte zählt Mahmoud nun durch die israelischen Angriffe. Sein Vater wird dabei verletzt.

Sein anderer Bruder und eine weitere Schwester liegen schwer verletzt im Krankenhaus. Die medizinische Versorgungslage lässt wenig Hoffnung auf ihr Überleben zu. Doch haben sie Glück. Auf einmal ist alles ganz nah. Der kleine Moment, wie er sich über meine Kamera gefreut hat, fühlt sich surreal an.

Mahmoud jedenfalls möchte weiter nach Deutschland. Und wenn er dort ist, will er einen Weg für seinen Bruder und seine Schwester finden, zu ihm nachzukommen. Derweil erhält er von dem falschen syrischstämmigen Journalisten die ebenso falsche Information, dass Deutschland das Asylrecht abgeschafft hätte.

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    Name geändert

Beitrag veröffentlicht am Januar 13, 2024

Zuletzt bearbeitet am Januar 13, 2024

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