Viel Frust, wenig Hoffnung: Istanbul zwischen den beiden Wahlgängen

Viel Frust, wenig Hoffnung: Istanbul zwischen den beiden Wahlgängen

Vor der Stichwahl um die türkische Präsidentschaft trübt sich in Istanbul die Stimmung unter Regierungskritiker:innen. Manche denken über eine Zukunft im Ausland nach.

Zwei Tage nach der Wahl ist die Stimmung in Istanbul augenscheinlich heiter. Doch fällt das Gespräch auf das Wahlergebnis, verdunkelt sich so manche Mine schnell.

„Ich bin traurig“, sagt etwa Merve, die an einen Baum gelehnt im Demokratie-Kunst-Park im Istanbuler Stadtteil Sisli sitzt. Sie schaut in den Himmel, faltet die Hände überm Herz, sie wünsche sich so jemanden wie Atatürk zurück. „Ich kann manchmal kaum glauben, dass er in diesem Land geboren wurde“, sagt sie mit Blick auf die aktuelle Lage.

Unwissenheit und Verwirrung?

Sie sei schockiert über das Wahlergebnis, dass Erdoğan doch wieder so viele Stimmen erhalten habe: „Ich verstehe die jungen Leute nicht. Entweder sind sie unwissend oder ihre Familien zwingen sie, Erdoğan zu wählen.“ Denn eigentlich sei niemand zufrieden, die wirtschaftliche Lage schlecht. Sie kann sich die guten Wahlergebnisse nur durch Unwissenheit oder Druck von anderen erklären, betont sie nochmals.

Eine Skulptur von Atatürks Mutter.

Wie es vor Erdoğan gewesen sei? „Besser“, betont sie, „der Binnenökonomie ging es besser. Uns allen ging es besser. Erdoğan versucht, uns zu einem arabischen Land zu machen. Er verwirrt die Gedanken der Leute.“ Ihnen werde nach und nach jedes Recht genommen, das Atatürk ihnen gegeben habe, gerade den Frauen.

Sie hoffe, dass es wieder besser werde, freier, sagt sie noch zum Schluss. Sie legt die Hände zusammen und schaut zum Himmel. Sie wünsche sich eine bessere Zukunft auch für die jungen Menschen, sie selbst hat einen 27-jährigen Sohn.

Für mehr Demokratie

Ein Stückchen weiter sitzt Ali ebenfalls unter einem Baum, an dessen Stamm gelehnt. Auch er hätte mit einem anderen Wahlergebnis gerechnet, damit, dass die Opposition mehr Stimmen erhält. Jetzt hofft er auf den zweiten Wahlgang. Auf die aktuelle Kampagne des Herausforderers, Kemal Kılıçdaroğlu angesprochen, die sich explizit für die Abschiebung von Syrer:innen und Afghan:innen ausspricht, sagt er: „Ich glaube nicht, dass die Opposition sie zum Sterben abschieben will. Ja, es gibt hier manchmal Probleme mit den Syrer:innen, aber ich glaube nicht, dass sie das wollen und tun würden.“

Er selbst sei für die Opposition, weil er in einem demokratischen säkularen Land leben wolle. Deshalb stimme für sie.

US-Pass als Zukunftsgeschenk

Eine junge Mutter, die anonym bleiben möchte, weil es zwischen der Familie ihres Mannes und ihrer eigenen Familie schon jetzt eine politische Kluft gibt, vertritt ihre Position auf Englisch: „Ich bin für Kılıçdaroğlu, weil ich eine demokratische Zukunft für unser Land und die Jugend möchte.“ Sie wiegt ihre kleine Tochter auf dem Arm, die spielt auch in diesem Kontext eine große Rolle für sie. „Ich habe ihr ein Geschenk gemacht“, sagt sie und holt die Geburtsurkunde des Mädchens aus dem Kinderwagen. „Ich habe sie in den USA zur Welt gebracht.“ So habe ihre Tochter nun die US-Staatsbürgerschaft und könne jederzeit das Land verlassen, wenn sie es einmal wolle.

Auch sie selbst und ihr Mann planen auszuwandern. Sie wollen ein freies Leben führen. Das sei hier im Land nicht möglich, solange jemand wie Erdoğan an der Macht sei.

Auch die Familie ihres Mannes übe einen gewissen Druck aus. “Ich mag nicht näher darüber sprechen, denn sie sind überall, überall – auch in der Politik”, erklärt sie. Sie pflege so wenig Kontakt wie möglich zu seiner Familie, denn diese sei ganz anders als sie und auch ganz anders als ihr Mann. “Ich bin erschrocken, als ich sie kennengelernt habe, denn mein Mann ist ganz anders. Er ist Atheist wie ich auch, so gar nicht religiös.” Seine Familie hingegen sei sehr konservativ.

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