Punisher-Drohne: Ukrainische Ausrüstung aus dem Inland

Punisher-Drohne: Ukrainische Ausrüstung aus dem Inland

Im Krieg gegen Russland ist die Ukraine auf Waffen- und Munitionslieferungen aus den Partnerländen angewiesen. Doch auch die inländische Rüstungsindustrie zeigt sich aktiv und kreativ, wie die „Punisher“-Drohne zeigt.

Das Ziel ist ein Apfelbaum. Zum letzten Übungstag der dreiwöchigen Ausbildung an der „Punisher“-Drohne treffen sich die fünf Crews auf einer weitläufigen Fläche in der Nähe von Kyjiw. Schon bald sollen sie mit ihrem neuen Fluggerät feindliche Ziele treffen.

Doch der Abflug verzögert sich: ein Luftalarm. In der Zeit darf auch für Übungszwecke kein ukrainisches Objekt aufsteigen – die volle Konzentration der Verteidigung soll den feindlichen Geschossen gelten. Zeit also, sich zunächst mit den technischen Aspekten der Punisher-Drohne auseinanderzusetzen; oder sich als Teilnehmer:in der Übung mit Fußball abzulenken.

Das ist die Punisher-Drohne

Der erste bestätigte und erfolgreiche Einsatz der Drohne erfolgte 2016. Hierbei handelt es sich um ein Modell aus ukrainischer Produktion, Veteranen hatten nach effektiveren Kampfmitteln im Krieg im Donbass gesucht.

Nach Angaben des Herstellers, UA Dynamics (eine Umbenennung steht bevor), kostet eine Punisher-Drohne 50.000 US-Dollar, zwei sind für 70.000 US-Dollar erhältlich. „Es ist die erste ukrainische, wiederverwendbare Drohne mit den niedrigsten Einsatzkosten weltweit“, nennt Firmensprecher Max Subotin die wichtigsten Eigenschaften.

Ein entscheidender Vorteil sei außerdem die Motorisierung: Dass die Punisher-Drohne anders als etwa die iranischen Shahed-Modelle mit einem Elektromotor läuft, hat weniger mit Nachhaltigkeit zu tun. „Sie ist leise und wir haben keine thermische Spur“, betont Subotin. Infrarot-Sprengköpfe könnten sie in der Folge nicht orten: „Dadurch können wir immer unerwartete Schläge auf feindliche Positionen durchführen.“ Als weitere technischen Daten der Punisher-Drohne zählt der Firmensprecher auf:

  • Eine Flughöhe von 800 Metern und mehr
  • Eine Höchstgeschwindigkeit von 55 Metern pro Sekunde (~190 Kilometer pro Stunde)
  • Eine Kampfreichweite von 45 Kilometern
  • Eine Beladung von bis zu 3 Kilogramm

Mit diesen Daten eigne sich die Drohne zum einen für Angriffe auf feindliche Ziele. Genauso könne sie jedoch zur Unterstützung eigener Einheiten genutzt werden, wenn etwa bei einer Spezialoperation hinter feindlichen Linien Nachschub wie Munition benötigt werde. Für diese Ausrüstung – ob hochexplosiv, Anti-Panzer, oder Material – seien jedoch andere Hersteller verantwortlich. Der selbst entwickelte ballistische Rechner ist für die hohe Präzision beim Abwurf laut Subotin die Kernkomponente.

Kompatibel mit NATO-Systemen

Stolz verweist das Unternehmen in diesem Zusammenhang auf die Kooperation mit einem deutschen Unternehmen: Die Bodenkontrolle nutzt Systeme der IT-Firma Roda. Damit würden alle notwendigen Sicherheitsprotokolle erfüllt, zumal die Punisher-Drohne durch den Docking-Anschluss kompatibel mit NATO-Systemen sei. Unter anderem Koordinaten feindlicher Ziele könnten damit in Echtzeit übermittelt werden. Auch mit Blick auf mögliche Exporte in der Zukunft ist diese Kompatibilität für Subotin kein unerhebliches Kriterium.

Aktuell seien 42 Crews aus je vier Mitgliedern mit rund 50 Modellen im Einsatz.

Dass im Hintergrund plötzlich Schüsse zu hören sind, scheint niemanden hier weiter zu beeindrucken – wohl eine Schießübung auf einem anderen, nahegelegenen Übungsplatz. „Der Ort hier ist sicher“, versichert Unternehmenssprecher Max Subotin. Die Flugabwehr in der Umgebung sei gut ausgebaut. Also kein Grund, sich zu sorgen? Schließlich befindet sich auch kritische Infrastruktur in der Nähe. „Aber… aber…“, stammelt er, ohne den Satz zu beenden, und blickt lächelnd gen Himmel.

Einer, der die Punisher-Drohne in Zukunft intensiv nutzen soll, ist Nikita. Der 19-Jährige hat sich am ersten Tag des russischen Großangriffs auf die Ukraine bei den Territorialen Verteidigungseinheiten gemeldet. In Kyjiw, wo er Medizin studierte, seien die Mitglieder seiner Einheit lediglich mit AK-47 ausgestattet und mit den niedrigsten Militärrängen versehen gewesen. Durch seine Spezialisierung kam Nikita zunächst als Sanitäter zum Einsatz, zuvor hatte er Medizin in Kyjiw studiert:

Ich habe in meiner Zeit als Sanitäter acht Verletzte behandelt und alle sind noch am Leben.

Doch vor allem in der zweiten Reihe an der Front eingesetzt, seien die Einheiten unzufrieden mit der Aufklärung und der Präzision der Artillerie gewesen. „Deswegen haben wir daran gearbeitet, über 40 Kilometer eine visuelle Überwachung aufzubauen“, schildert er.

Entscheidende Rolle bei Charkiw-Gegenoffensive

Durch die Erfolge sei seine Einheit eine der ersten gewesen, die in die konventionellen Streitkräfte integriert wurde. Die Gruppe habe in der Gegenoffensive um Charkiw eine erhebliche Rolle bei der Aufklärung eingenommen. Seit Beginn des russischen Großangriffs flog Nikita verschiedene Drohnen: Quadrokopter ebenso wie Kamikaze-Modelle.

Auf bis zu acht Kilometern Entfernung könne er feindliche Objekte erkennen, erzählt der 19-Jährige stolz aus der Praxis. Videos belegen seine Einsätze mit verschiedenen Drohnensystemen, die russische Soldaten verwundeten und töteten. Er schwärmt nach der Schulung an der Punisher-Drohne von der guten Handhabung und Präzision des Systems. Ein allgemeiner Vorteil inländischer Rüstungsgüter sei außerdem die schnellere Verfügbarkeit.

Eine neue Aufgabe

Die Arbeit in den Lufteinheiten habe ihn auch mehr gereizt als der Sanitätsdienst. Denn nur die Luftwaffe und Artillerie arbeiteten rund um die Uhr. „Es ist schön, Russen zu töten“, merkt Nikita mit Blick auf seine neue Aufgabe zunächst schelmisch an. Als 18-Jähriger wurde er unverhofft in diesen Krieg hineingezogen, sah sich plötzlich einem Kampf um die eigene Existenz ausgesetzt.

Mit den Wochen und Monaten habe er sich schwer getan, an der Front zu sein und nicht die Ergebnisse seiner Arbeit zu sehen – das sei als Drohnenpilot anders. „Vielleicht bin ich nicht so mental stabil“, sagt er und lacht verschmitzt.

Zersplitterte Familie

Seine Mutter verweilt nun in Norwegen. „Ich habe ein System: Ich schreibe ihr jeden Morgen und Abend, damit sie weiß, dass ich noch am Leben bin“, erzählt er. Der Vater verbrachte die gesamte Zeit unter permanenten Beschuss in Mykolajiw. Einmal habe er ihn Kyjiw treffen können. „Das war cool“, sagt er knapp. Doch um die Familie dürfe man sich im Krieg nicht zu sehr sorgen.

Er selbst habe einst davon geträumt, an einer großen Universität in Deutschland zu studieren. Statt lustigen TikTok-Videos zeigt der 19-Jährige nun solche, wie er mit ukrainischer Heavy-Metal-Musik untermalt Kamikaze-Drohnen in russische Lager steuert. „Selbst wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, wäre ich nicht gegangen“, sagt er mit Blick auf die Generalmobilmachung kurz nach seinem 18. Geburtstag; als 17-Jähriger hätte er das Land noch verlassen dürfen.

Armee statt Studium

Statt auf der Universitätsbank sitzt Nikita nun auf einer Transportkiste für die Punisher-Drohnen und berechnet den optimalen Kurs. Nicht Medizin studieren, sondern Flugbahnen berechnen steht nun auf dem Programm. Inzwischen weiß er: Die Drohne startet im Gegenwind und wirft die Ladung in diesem ab – so ist die höchste Treffsicherheit gegeben. Nach dem Krieg könne er sich durchaus vorstellen, sein Studium fortzusetzen und wieder Menschenleben zu retten.

Mit einem Zerstörungsradius von rund 35 Metern muss die Trainingsmunition bei der Übung auch nicht exakt auf Höhe des Apfelbaums einschlagen. Als der Versuch, vom Abwurf ein Zeitlupenvideo aufzunehmen, fehlschlägt, entschuldigt sich Subotin prompt: Der Pilot habe einen Fehler gemacht. Zuvor hatte es noch einen direkten Treffer gegeben.

In der Grundausstattung und mit dem minimalistischen Ansatz sei viel vom Menschen abhängig. Die Krater rund um den Baum – von den Einschlägen der Übungsmunition – demonstrieren jedoch eindrücklich, was die Punisher-Drohne mit scharfer Munition anrichten kann.

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