Teil I: Wiedersehen im Krieg

Unsere Gastautorin, Jules, hat wegen der russischen Invasion in der Ukraine ihre russische Schwester in Izmail nahe Odesa besucht. Hier berichtet sie von ihrer bewegenden Reise.

Eine alte Aufnahme: Ein Mädchen, Jules, und eine Frau, ihre ältere Schwester Zhanna lächeln in die Kamera.
Jules als Kind mit der „coolsten Schwester der Welt“: Zhanna.

Die Tochter meines Vaters aus erster Ehe ist 20 Jahre älter als ich und die coolste Socke der Welt. Sie besuchte uns in der winzigen Kommunalwohnung in Moskau – meine Eltern, mich, unsere Tante und Großmutter -, seit ich auf der Welt war. Sie kam aus der Ukraine mit den teuersten Spielsachen, die in einer Sowjetunion, in der man stundenlang für Brot anstehen musste, zu haben waren. Ich klebte an ihrem Rockzipfel wie festgenäht; ihren gleichaltrigen Sohn nannte ich Bruder. Als sich meine Eltern scheiden ließen, nahm Mutter mich von allem weg – mit nach Deutschland.

Ich lernte nie wieder, Wurzeln zu schlagen.

Um nicht an der Sehnsucht zu zerbrechen, hörte ich auf, von Russland zu träumen. Hörte auf, Russisch zu sprechen, zu lesen. Abstellen ließ sich die Sehnsucht nie. Im Sommer 1997 traf ich meine große Schwester Zhanna endlich wieder: auf der Datscha unserer Großmutter. Diese russischen Sommer meiner Teenie-Zeit waren magisch. Nachdem der Eiserne Vorhang gefallen war, hatte sich Zhanna hungrig in all die westliche Kultur gestürzt, die sie verpasst hatte. Zeitgleich wurden wir Fans von Rock, Punk, Grunge. Sie bewundert noch immer geniale Menschen, studiert akribisch ihre Lebensläufe und ist besessen von Freddie Mercury und Queen.

Diagnose, Therapien, Kontaktabbruch

Wir sahen uns zum letzten Mal, als ich 18 war. Drei Jahre später bekam ich meine Diagnose. Therapien, Psychiatrien, die tote Zeit eines depressiven Stupors – und Scham. Endlose Scham, tief und quälend wie eine innere Blutung. Sie hinderte mich daran, engen Kontakt zu halten zu all jenen, die ich zu früh verlassen musste. Zu jenen die mein Leben nicht kannten, denen ich nicht erklären konnte, was mit mir nicht stimmte – nicht nur wegen der wachsenden Sprachbarriere.

Wem kann man das schon wirklich erklären?! Dass man einen Schwerbehindertenausweis hat, weil man nicht länger als 20 Minuten Tram fahren kann, ohne eine Panikattacke zu bekommen? Dass man manchmal brechen muss vor Angst. In einem vollen Supermarkt. In der Innenstadt. Dass man es wochenlang nicht aus dem Haus schafft. Dass man bei Dingen Hilfe braucht, die selbst Kinder alleine hinbekommen…

Armut und Scham

“Komm zu mir nach Izmail, komm über die Donau, ich wohne gleich am Fluss”, lockte Zhanna. Sie, der lebensgierige Punk, wollte immer schon die Welt sehen, aber eine pflegebedürftige Mutter machte große Sprünge unmöglich. Und dann war da noch die ewige Armut: Die verzweifelte Suche nach Arbeit in einer wirtschaftlich verkrüppelten Ukraine. Sie sehnte sich vergeblich in die Welt hinaus, und ich mich zu ihr; nur:

“Sobald ich kein Loser mehr bin”, flüsterte die Scham, “sobald ich etwas vorzuweisen habe”, “Sobald ich gesund bin…”

Der Krieg machte meine Seele zum Epizentrum eines inneren Erdbebens. Zhanna weigerte sich, zu fliehen. Trotz Möglichkeiten. Ihr Enkel, 19, mein Großneffe, ist in der Militärakademie bei Charkiw. Wie – ihr Land brennt, ihr Enkel kämpft, und sie kehrt ihrer Heimat den Rücken? Niemals. Niemals!“, rief meine schöne, stolze, mutige Schwester. Es war ihre Stimme, die ich hörte durch den roten Nebel der permanenten Panik, ihr Gesicht, das ich sah, ihr ironisches Grinsen; ihre herrlich dreckige Lache klang mir im Ohr.

Ein altes Foto zeigt Zhanna, die ein Kleid trägt.
Schön, stolz, mutig: So charakterisiert unsere Autorin ihre Schwester Zhanna. Die Ukraine will sie trotz des Krieges nicht verlassen.

Ich wollte sie wieder umarmen und mit ihr über Musik reden. Jetzt. Nicht in weiteren 20 Jahren. Nicht über einen neuen Eisernen Vorhang hinweg. Und, ja, einfach so – und nicht einfach so – werden seelische Schwerpunkte verschoben; innere tektonische Jahrhundert-Bewegungen vollziehen sich innerhalb von Minuten.

Neuer Antrieb

Am 25. Februar renne ich aufs Bürgeramt für einen neuen Pass. Ich leihe mir Geld. Ich studiere Landkarten, kaufe Ausrüstung: Paracord, Taschenmesser, Feuerstahl. Ich schaue Survival-Videos, lerne, Knoten zu machen. Ich bin bereit, durchs rumänische Moor zu wandern und die Donau nach Izmail zu überpaddeln, überschwimmen, was immer. Zhannas Gesicht treibt mich vorwärts, während ich Dinge tue, die ich seit Jahren nicht mehr zu tun fähig war: Schlange stehen in überfüllten Geschäften, Menschen aushalten, mit Fremden reden. Immer ihr Gesicht in meinem Kopf, ihr Gesicht, und überwältigende Angst. Panische Angst. Nicht Angst davor, von Fremden angesehen und verurteilt zu werden. Sondern Angst, sie zu verlieren.

Ich bilde mir nicht ein, durch den Schock einer humanitären Katastrophe eine chronische Erkrankung besiegt zu haben; dies ist ein Ausnahmezustand, ich spüre es in jeder Faser. Ich kann es weder erklären, noch rechtfertigen – nur leben. Das Planen allein verschafft mir etwas Erleichterung inmitten des hilflosen Horrors der Kriegsnachrichten – ich google jeden Morgen als erstes, wo die russischen Truppen sind, während mein Herz den Atem anhält. Noch, noch ist es dort ruhig.

Die Reise ist eine Tour de Force, die mir alles abverlangt. Aber ich schaffe es.

In Izmail

Als ich Zhanna endlich in die Arme falle, vergesse ich alles. Ich vergesse die Blasen an meinen Füßen, die Ängste, den Krieg; ich hatte vergessen, wie sich Glück anfühlt. Sie hat ihr ironisches Glitzern im Auge behalten, ihre dreckige Lache. Wir hüpfen gemeinsam auf und ab: „Du verrücktes Mädchen!“

Sofort reden wir uns den Mund fusselig über Kunst – ich wusste nicht, wie sehr sie auf Modigliani steht – ob ich den einen Film gesehen hätte? Unbedingt, unbedingt muss sie ihn mir zeigen! Sie verschlingt jedes einzelne Foto im schmalsten und leichtesten Freddy-Mercury-Bildband der Welt, und erzählt mir mehr über Queen, als ich je zu wissen bereit war. Ziemlich schnell geht es ans Eingemachte – ich erfahre neue Dinge über meine Familie, die mich bis in den Kern erschüttern. Ihre alte Mutter, Vaters erste Frau, starrt mich lange an, und als ich durch alte Fotos blättere, fällt mir auf, wie verdammt ähnlich ich unserem jungen Dad sehe.

Drei Tage für 20 Jahre

Drei Tage habe ich mit Zhanna, drei Tage, um 20 Jahre nachzuholen. Dazwischen die vier Flüchtlinge, die sie bei sich beherbergt, deren vier Corgis, die Mutter, die versorgt sein will; es gibt kein fließendes Wasser. Es ist eng. Milch ist kaum zu besorgen, Kaffee auch nicht, Medikamente sind Mangelware. Rund um die Uhr läuft der Fernseher: Front-Nachrichten, Durchhalteparolen, Motivations-Videos, und immer wieder die Bilder von den Ruinen, brennenden Städten und Dörfern, Interviews mit der traumatisierten Bevölkerung.

Izmail ist eine kleine Stadt, aber eine sehr alte, mit faszinierender Geschichte: halb Europa, halb Osmanisches Reich, immer schon der Welt geöffnet durch den Donau-Hafen. Die Stadt sprudelt vor Kultur und Künstler:innen; die Straßen sind so absolut sauber, dass man von ihnen essen könnte, und außerhalb des Zentrums absolut ruhig. Weder auf dem Markt noch auf den Straßen würde man an Krieg denken; nur die Knappheit gewisser Produkte, die gestiegenen Preise, die Sperrstunde zeugen davon. Und die langen Schlangen vor den Geld-Automaten.

Fest verwurzelt in Izmail

Das niedrige, längliche Haus aus Lehm, in dem Zhanna wohnt – ihre Mutter wurde darin geboren, sie selbst; ihr Sohn. Sie alle gingen auf dieselbe Schule im Ort. Ich verstehe, warum sie bleiben will. Rein ethnisch Russin, ist sie hoffnungslos verliebt in ihre Heimat, die Ukraine. Sie gehört dieser Kultur an, diesem Volk.

Beim Abschied an der Fähre weinen wir beide. Ich winke, bis sie nicht mehr zu sehen ist. Es gab für alles zu wenig Zeit, zu wenig Ruhe, zu wenig Muße; aber ich würde alles genau so wieder machen.

„Wag‘ es nicht, von dieser Reise nicht als Erfolg zu denken!“, ermahnt sie mich.

Nein. Das würde ich nie tun.

Beitrag veröffentlicht am 18. Apr 2022

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