Im Mittelmeer versinkt die Menschlichkeit

Gräber von jenen, die die Flucht über das Mittelmeer nicht überlebt haben. www.menschenfotografin.de

Seit Juni ist auf dem Mittelmeer fast kein ziviles Seenotrettungsschiff mehr im Einsatz. Auch Frachtschiffe, die aus Pflichtbewusstsein Menschenleben retten, laufen Gefahr, dass ihnen das Recht anzulegen verwehrt wird. Die Häflerin Zoe war auf einem dieser Schiffe im

(Dieser Artikel erschien im Sommer 2018 als Titelgeschichte des unabhängigen Wochenblatts, Ausgabe Friedrichshafen/Bodenseekreis)

Dieser Juni war laut den Vereinten Nationen der tödlichste seit Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise: Knapp 700 Menschen ertranken im Mittelmeer, dazu kommt eine hohe Dunkelziffer. Die Zahl zeigt dennoch, welche Auswirkung der Wegfall ziviler Seenotrettung mit sich bringt. Anders, als oft vermutet, gibt es keine Sogwirkung durch die Rettungsschiffe. Die Menschen machen sich auch ohne diese auf den Weg – nur sterben dann schlichtweg mehr. Die Häfl erin Zoe, die ihren Nachnamen aufgrund möglicher Drohungen wegen ihres Hilfseinsatzes geheim halten will, ist eine von denen, die auf dem Mittelmeer Menschen vor dem Ertrinken bewahrt hat. Zoe ist 22 Jahre alt und macht gerade eine Lehre zur Bootsbauerin. Eigentlich sollte ihr Leben jetzt zwischen Berufsschule und Schiffswerftarbeit am Bodensee in ruhigen Bahnen verlaufen. Nur ihre Urlaubstage wollte sie erneut auf einem Rettungsschiff verbringen, denn „ich werde weiter retten, solange da noch Menschen auf dem Meer sterben“, trotz der politischen Lage.

Eigentlich wäre jetzt der Zeitpunkt, sich über ihre weitere Zukunft und das geplante Studium Gedanken zu machen. Wäre da nicht ein Video der libyschen Küstenwache, das sie bei der Seenotrettung auf dem Mittelmeer zeigt.

Dieses Video bringt sie in ziemliche Schwierigkeiten. Der Organisation „Jugend rettet e.V.“, für die sie im Einsatz war, wird in sozialen Netzwerken Schleusertum vorgeworfen. Außerdem können in Italien juristische Folgen drohen, im schlimmsten Fall fünfzehn Jahre Gefängnis wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Ihr Name ist den italienischen Behörden bekannt und es wird gegen sie ermittelt, soviel weiß Zoe. „Dabei ist klar: Nach internationalem Seerecht ist es Pfl icht, Menschen zu retten, die schiffbrüchig sind und sie an einen sicheren Ort zu bringen“, erklärt sie. Warum jetzt gegen die Seenotretter politisch und juristisch vorgegangen wird, versteht Zoe nicht: „Ich habe immer gedacht, es gibt in Europa funktionierende Rechtsstaatlichkeit.“

Emotional aufgewühlt schildert sie ihre Arbeit als Mitglied der Besatzung des zivilen Rettungsschiffs Iuventa: „Ich bin das Sicherungsboot gefahren. Da war es meine Hauptaufgabe, Menschen zu sichten und zu bergen, die über Bord gegangen sind.” Helfen konnte sie aber längst nicht allen. „Das Meer hat viele Menschen verschluckt.“ Sie erinnert sich mit Grauen an die; die untergingen, weil niemand sie rechtzeitig retten konnte, wie die Helfer kurz noch hochgereckte Arme sahen, die dann verschwanden und von denen, die ins Wasser sprangen, wenn die libysche Küstenwache nahte. „Sie sagten uns, dass es ihnen lieber sei zu ertrinken, als wieder zurückzumüssen.“ Da sind Bilder, die nie veröffentlicht wurden, um die Würde der Menschen zu wahren: Von Toten, Ertrinkenden und Verletzten. „Einmal wollte ich jemanden aus dem Wasser ziehen und unter meinen Fingern hat sich die Haut abgelöst“, schildert sie. Eine Folge der chemischen Verbrennungen, die durch die Mischung aus Salzwasser, Benzin und Urin in den Booten entstanden sind. Eigentlich wollte Zoe über all das nie öffentlich sprechen. Doch jetzt sei es an der Zeit. „Da sterben so viele Menschen – jeden Tag. Da muss etwas passieren!“

(unter www.bundestag.de gibt‘s mehr zur Rechtsgrundlage in der Kurzinformation zur völkerrechtlichen Verpflichtung zur Seenotrettung).

Aktueller Nachtrag: Momentan ist der Film “Iuventa” in den Kinos zu sehen. Die Ermittlungen gegen die Seenotretter*innen laufen weiter.

Beitrag veröffentlicht am März 3, 2019

Zuletzt bearbeitet am März 3, 2019

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