Wie das „StoP“-Konzept Partnergewalt eindämmt

Die Erfolge stellen sich im Alltag ein. Sabine Stövesand nennt beispielhaft eine Situation in Hamburg-Steilshoop, in der eine Anwohnerin einschritt, als ein Mann auf offener Straße seine Freundin bedrängte. „Du bist die von StoP“, erkannte er – und ließ ab. Allein die Präsenz und die verbale Intervention halfen, einen kritischen Moment zu entschärfen.

StoP steht für „Stadtteile ohne Partnergewalt“, Stövesand hat das Konzept entwickelt. Darin gebündelt sind ihre praktische Erfahrung aus der Arbeit im Frauenhaus und ihrer Forschung als Professorin für Soziale Arbeit. So entstand bereits in den 1990er Jahren das erste Netzwerk in St. Pauli – aus einer Nachbarschaftsgruppe von Frauen heraus, die Stövesand initiiert hatte.

Vom Austausch zum Projekt

Sie beschäftigten sich mit dem Thema Gewalt gegen Frauen, tauschten ihre Erfahrungen aus. Es folgten Plakataktionen, Beratungsgespräche, Filmabende, Ausstellungen und andere Aktionen. Daraus erwuchs die Erkenntnis: „Es muss in die Öffentlichkeit.“

Mehr als 140.000 Opfer hat das Bundeskriminalamt im Jahr 2019 registriert. Mit 81 Prozent sind die Opfer großteils weiblich. „Über 60 Prozent der Betroffenen schlagen nicht bei Hilfseinrichtungen auf oder kennen die gar nicht“, führt Stövesand aus.

Deshalb setzt StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt auf eine aufmerksame und unterstützende Nachbarschaft, die auch aufsuchend tätig ist. Damit das Bewusstsein dafür entsteht, setzt das Konzept von StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt darauf, Menschen zu aktivieren und auszubilden, damit sie sich explizit um das Thema kümmern.

Die 8 Schritte von StoP

Eine Stadtteileinrichtung greift das StopP-Konzept auf

Ein Treffpunkt wird geschaffen und lokale Netzwerke werden eingebunden. Eine Fachkraft bringt die fachliche Kompetenz ein.

Analyse des Gemeinwesens im Stadtteil

Informationen über das Quartier werden zusammengetragen, um die Situation vor Ort zu verstehen, Schlüsselpersonen- und Gruppen zu erkennen und und ein Konzept für das weitere Vorgehen zu planen. „Du brauchst immer die Personen, die gut verankert sind, die sich auskennen, die Interesse haben, was zu machen und die wissen, wie es läuft“, führt Hannah Wachter von StoP-Hamburg aus.

Aufbau von Aktionsgruppen und Öffentlichkeitsarbeit

Unter professioneller Begleitung werden Gruppen für Männer und Frauen initiiert. Menschen vor Ort sollen Selbstverantwortung übernehmen.

Aufbau von Nachbarschafts-Netzwerken

Beziehungen zu Menschen und anderen Gruppen wie Vereinen werden aufgebaut. Aktionen für die Gemeinschaft werden geplant, um auf das Thema aufmerksam zu machen und Veränderungsprozesse anzustoßen.

Vernetzung auf Stadtteilebene und gegenseitige Qualifizierung

Austausch von Informationen und Erfahrungen, Ressourcen werden gebündelt und politische Arbeit betrieben

Personenzentrierte Netzwerkarbeit

Bei Bedarf werden Beratungsangebote geschaffen und zu bestehenden Institutionen vermittelt.

Etablieren einer Beziehungs- und Organisierungsarbeit

Kontakte werden gepflegt und eine interventionsfähige Struktur geschaffen. Die Gremienarbeit und Organisationsprozesse sollen das Empowerment von Frauen weiter unterstützen.

Entwicklung politischer Bündnisse und Forderungen

Professionelle und Bewohner:innen bringen sich in die politischen Prozesse ein und organisieren sich.

Es sei erwiesenermaßen hilfreich, wenn Dritte die Gewaltsituation unterbrechen, bis die Polizei kommt, sagt Stövesand. Das könne bereits durch Klingeln und der Frage nach einem Ladekabel gelingen, wenn Nachbar:innen einen Streit hören. Entscheidend dafür sei, dass die Gesellschaft Partnergewalt nicht mehr als Privatsache werte. Sondern als Straftat.

Als einen großen Erfolg von StoP – Stadteile ohne Partnergewalt wertet Stövesand daher, „dass wir das Thema aus der Schmuddel- und aus der sozusagen ausschließlichen Fach-Ecke mitten in die Quartiersarbeit gebracht haben und zur Enttabuisierung beitragen“.

Es reicht nicht, wenn das hinter den Wänden von Beratungs-Institutionen ist. Es geht so viele Leute und alle Geschlechter an.

Mit der ehrenamtlichen und aufsuchenden Arbeit schließe StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt die Lücke zwischen Hilfetelefonen, Beratungsangeboten und dem Einschreiten durch die Polizei: Gewaltsituationen sollen gar nicht erst entstehen oder schnell unterbrochen werden. „Wir gehen rum und sind vor Ort“, beschreibt Stövesand.

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Eine Studie in der US-Partnerstadt Chicago habe bereits belegt, dass Stadtteile, in denen Bewohner:innen dies nicht als Privatsache bewerteten, weniger Frauenmorde verzeichneten. „Das heißt: Wir müssen an den Haltungen der Leute arbeiten“, schlussfolgert Stövesand.

Engagiert und füreinander da

Ein weiterer Aspekt ist das Empowerment. „Ein wesentlicher Erfolg, ist, dass dieses Schamgefühl abgebaut wird“, sagt Hanna Wachter über das StoP-Konzept. Sie hat sich zunächst in Wien engagiert und wirkt nun in Hamburg mit. In diesem unterstützenden Umfeld hätten Aktive teils nach mehreren Jahren von eigenen Gewalterfahrungen berichtet. Eine solche Gemeinschaft zu schaffen, führe auch in den Stadtteilen zu einem gewissen Stolz: „Wir kümmern uns drum.“ Andernorts zeigten etwa Studien zum Sasa!-Programm (Swahili für „jetzt“), dass solche Gemeinwohl-Initiativen zu einem Rückgang von Gewalt führten. Dieses wurde entwickelt, um Partnergewalt und HIV-Infektionen in Zusammenhang zu bringen und beide Themen gemeinsam anzugehen.

Mehr erfahren unter: stop-partnergewalt.org

Beitrag veröffentlicht am 02. Jun 2021

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