„Beinahe das Erste, was ein Asylbewerber in Deutschland bekommt, bevor er überhaupt weiß, ob er bleiben kann, ist die Steuer-ID“, meint Verena Paul und zieht eine Augenbraue hoch, als könne sie das, was sie da sagt, selbst gerade nicht so recht glauben. Die 27-jährige Gründerin des nachhaltigen Modelabels Lovjoi ist in das Thema „Asyl“ eher zufällig hineingestolpert und findet seitdem beinahe täglich etwas heraus, das ihr mehr oder weniger Kopfzerbrechen bereitet. Etwa die Tatsache, dass zwei Brüder als Asylsuchende nach Deutschland kommen und sich zwei Jahre nicht sehen konnten, weil sie unterschiedlichen Regionen zugeteilt wurden und aufgrund ihres Aufenthaltsstatus nicht so weit reisen durften. „Einer der beiden bewarb sich bei mir als Schneider“, erinnert sich Paul.

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Gezielt darauf angelegt habe sie es nie, Asylbewerber einzustellen, es sei nur irgendwie naheliegend gewesen. Ein halbes Jahr lang habe sie auf dem normalen Wege versucht, einen Industrieschneider für ihren Betrieb zu finden, der ausschließlich auf deutschem Boden – genauer: in Riedlingen – produziert und niemand Qualifiziertes für die Stelle finden können. „Währenddessen waren aber immer wieder Helferinnen aus der Flüchtlingsunterkunft im Nachbarort vorbeigekommen und hatten erzählt, dass dort gelernte Schneider wären, die unbedingt arbeiten wollen“, schildert die Jungunternehmerin. Mit dem jungen Mann, der sich ihr da vorstellte, schien sie die perfekte Besetzung für die freie Stelle gefunden zu haben – bis er dann auf einmal sagte, er wolle den Job gar nicht. „Ich war total baff. Dann sagte er mir, er habe sich im Namen seines Bruders beworben.“ Die Erklärung folgte auf dem Fuß: er sah keine andere reelle Chance, diesen wiederzusehen, da beide durch ihren Aufenthaltsstatus eine sehr eingeschränkte Bewegungsfreiheit hatten. Zwei Jahre lang hatten sie sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gesehen. „Behördenwahnsinn ist das“, kommentiert ihre Mitarbeiterin Louisa Sanchez, die auch privat in der Flüchtlingshilfe stark aktiv ist. Und man dürfe bei all dem nicht vergessen, dass die Menschen, die hierher flüchten, stark traumatisiert seien und sowieso erst wieder Vertrauen in staatliche Institutionen lernen müssten. „Und wie sollen sie dieses Vertrauen wiedergewinnen, wenn sie solchen Irrsinn erfahren?“, fragt Sanchez und man merkt, dass sie einige Wut über die Behörden angesammelt hat. „In Syrien ist es derzeit so, dass unter Assads Regierung den Sunniten Schuld an Dingen in die Schuhe geschoben wird, mit denen sie gar nichts zu tun haben. Man lebt also ständig in Angst, es könnte einen unerwartet irgendeine Anschuldigung treffen und würde den Teufel tun, freiwillig auf ein Amt zu gehen“, schildert die 24-Jährige. Besonders stark hätten sie diese Angst miterleben müssen, als ihr jetziger Schneider – der syrische Kurde Khaled Barkel – die Namen seiner Frau und Kinder der zuständigen Botschaft melden musste, um den Familiennachzug zu beantragen.

„Nicht gut“, habe er immer wieder betont und die Sorge geäußert, seine Liebsten könnten Assad ausgeliefert werden, wenn sein Heimatland über die syrische Botschaft erfahren, wo sich diese aufhielten. Schließlich sei er sozusagen „fahnenflüchtig“ und das stehe unter Strafe. „Ich habe schon wieder Gänsehaut“, sagt Paul und schält ihre Unterarme zum Beweis unter ihrer Strickjacke hervor.

Die beiden schweigen einen Moment und gucken erst auf die Tischplatte, dann in die Luft und dann auf ihre Smartphones, als sei irgendwo die Lösung auf all das Chaos verborgen. Doch ganz im Gegenteil. „Ich habe eben eine E-Mail vom Ausländeramt bekommen“, verkündet Sanchez. Die Behörde lässt sie wissen, dass syrische Ausweispapiere nicht mehr auf europäischem Boden von den in Deutschland und Bulgarien ansässigen syrischen Botschaften ausgestellt werden können. „Sie könnten jemandem in Syrien eine Vollmacht zukommen lassen, der dann für Sie den Behördengang dort erledigt“, schlägt der Verfasser der elektronischen Nachricht vor, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, in einem Kriegsland für Flüchtige einen Reisepass zu beantragen.

Schulterzuckend erklärt Sanchez: „Ich bin hartnäckig, was so etwas angeht.“ Doch auch das scheint nicht immer Wirkung zu zeigen. Zwar liegt die Genehmigung des Nachzugs von Barkels Frau und drei Kindern seit Dezember 2014 vor, jedoch ist die junge Familie bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht wiedervereint. Vor Kurzem sind Paul und Sanchez sogar gemeinsam mit Barkel nach Idomeni gefahren, wo seine Familie inzwischen wartet, weiter zu dürfen. Von der Türkei haben sie trotz der Genehmigung auf dem Papier eins der gefährlichen Schlauchboote besteigen müssen, weil ihre Reiseunterlagen angeblich nicht ausreichten. „Es hieß, es gebe keinen ausreichenden Nachweis, dass sie tatsächlich verwandt sind“, erklärt Paul, die daraufhin einen Vaterschaftstest vorgeschlagen habe, um zumindest einen Beleg für die Beziehung zu den Kindern vorweisen zu können. Der Vorschlag sei aber als zu aufwendig abgelehnt worden. Auch wenn sie genau zur Zeit der Tränengasangriffe durch die mazedonische Polizei an der Grenze gewesen seien, wäre der dreifache Vater wäre am liebsten in Griechenland bei seinen Liebsten geblieben. Die Zeit der Trennung ist lang. Als er die Zwillinge das letzte Mal gesehen hat, waren sie noch Babys. Jetzt sind sie im Kindergartenalter, wenn man in der aktuellen Situation so einen Vergleich anstellen darf. „Wenn das mit dem Familiennachzug nicht ganz bald doch noch funktioniert, können wir ihn nicht mehr in Deutschland halten“, erklären die jungen Frauen. Dann würde er nämlich lieber alles wieder aufgeben, was er hier erreicht habe, und zu seiner Familie ziehen, auch wenn das ein Leben im Zeltlager bedeuten würde.

„Es ist doch sowieso so, dass viele auch in Griechenland bleiben würden, wenn es dort mit den Ämtern nicht noch schlimmer wäre“, meint Paul. Sie hat selbst 80mal vergeblich versucht, per Skype Kontakt mit dem Asylum Centre in Thessaloniki aufzunehmen. Einen anderen Kontaktweg gibt es derzeit offiziell nicht. Und während die Menschen mit instabiler Internetverbindung versuchen, zumindest einen Termin auszumachen, um Asyl oder eine Familienzusammenführung zu beantragen, sorge das mazedonische Militär für kriegsähnliche Zustände und feure mit CS-Gas und Hartgummigeschossen. „Ein Mann hat geschrien: ‚Ich will zurück nach Syrien, da stirbt man von den Bomben und wird wenigstens nicht vergast‘!“, zitieren die Augenzeuginnen einhellig. Ihr Glaube an die westlichen Werte sei spätestens bei diesen Erlebnissen verloren gegangen. „Und dann verlangen wir von denen, die hierher kommen, dass sie sich anpassen! Woran denn?“

Beitrag veröffentlicht am 03. Okt 2016

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