Regen, Traufe, Happy End: Eine afghanische Familie flüchtet zum zweiten Mal

Kanada und die USA evakuierten Afghan:innen aus Kabul mit Zwischenstopp in der Ukraine. Mit dem großflächigen Krieg dort kommen sie vom Regen in die Traufe.

Der Kontakt zu Fatema Hosseini kommt über einen Kollegen zustande: Er bittet um Unterstützung für Hosseini Familie, die sich noch in der Ukraine befinde. „Ihre Pässe liegen auf der Ausländerbehörde in Kiew, sie können sie jetzt nicht mehr abholen“, schildert er. Sie wüssten daher nicht, wie sie das Land verlassen könnten. Es ist Mittwoch, der Angriffskrieg Russlands fast eine Woche alt. Hosseini befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits in den USA, dorthin wurde sie durch ihre internationale Tätigkeit als Journalistin evakuiert. Rückblickend schildert sie: „Ich wollte eigentlich nicht alleine gehen. Mein Vater war elf Jahre beim Militär, er war viel mehr in Gefahr als ich.“ Auf Drängen ihres Arbeitgebers ließ sie sich dann zumindest ins Interimsland Ukraine evakuieren und setzte alles daran, dass ihre Familie – ihre Eltern und jüngeren Geschwister – folgen durfte.

Im Behördenlimbo

Eine Woche später waren sie wieder vereint. Hosseini selbst wurde weiter in die USA evakuiert, für ihre Familie schien Kanada die bessere Lösung zu sein. Ihre Schwester lebte dort bereits länger, kannte sich in dem Land aus und dessen Strukturen. Anfangs sah auch alles vielversprechend aus, doch dann herrschte auf einmal Stillstand. Auf Nachfrage hieß es, die kanadischen Behörden hätten einen Fragebogen per E-Mail geschickt und da sie diesen nicht ausgefüllt hätten, könnten sie die Evakuierung nicht weiter bearbeiten. „Doch da war keine E-Mail im Posteingang“, sagt Hosseini. Einen Monat hätte dieser Schritt sie letztlich gekostet; dann erst sei die elektronische Post tatsächlich eingetrudelt.

Im Fragebogen sollte ihr Vater ausführen, was er beim Militär getan und ob er jemanden getötet habe. „Das hat er zum Glück nicht; er war für den Bereich Kommunikation und Logistik zuständig“, schildert Hosseini. Sie habe daher gedacht, nun sei alles geklärt und ihre Familie werde bald im sicheren Kanada bei ihrer Schwester sein. Rund zwei Wochen Bearbeitungszeit sollte noch vor ihnen liegen, als der seit 2014 schwelende Krieg in der Ukraine durch den großangelegten Angriff der russischen Armee eskalierte. Hosseinis Familie befand sich zu diesem Zeitpunkt in Ternopil, rund fünf Autostunden von der polnischen Grenze entfernt – zu Normalzeiten und ohne Staus, die die Fluchtbewegung verursachte.

Vom Regen in die Traufe

Zum Zeitpunkt der Kontaktaufnahme am Donnerstag ist noch vollkommen unklar, wie die Familie das Land verlassen kann. Sie wählt die Notfallnummer der kanadischen Botschaft: Dort sagt man ihr, dass diese nicht zuständig sei – die Familie besitze noch keinen kanadischen Aufenthaltstitel. Ob die Familie andere Ausweispapiere hat, die an der Grenze genügen könnten, um ihren Status als Schutzsuchende zu belegen? Hosseini hakt nach; es gebe da diese Migrationspapiere in ukrainischer Sprache. Die Ausweis-Scheckkarten hätten sie ebenfalls auf dem Amt abgeben müssen: „Ich fand das ja seltsam, dass sie beides abgeben mussten: Ausweise und Pässe“, sagt sie. Auf Nachfrage finden sich dann in den Papieren ihrer Familie zumindest ihre Papier-Tazkeras.

Letztlich fahren Freiwillige der Caritas die Familie nach Lwiw, dort nimmt eine Journalistin sie mit zur Grenze. Am Donnerstagabend kommt dann die freudige Nachricht: „Meine Familie ist in Polen.“ Hosseini schreibt, sie seien dort direkt in eine Unterkunft gebracht worden und in guten Händen. Während dieser Artikel verfasst wird, ist die Familie bereits auf dem Weg nach Warschau. Ende gut, alles gut? Hoffentlich!

Beitrag veröffentlicht am 04. Mrz 2022

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