Roland-Initiative Halberstadt: Wirtschaft für die Region

Verwurzelt in der Region: In der Roland-Initiative Halberstadt finden sich mehr als 80 Mitglieder ein, um sich für die lokale Wirtschaft stark zu machen und ihre Heimat zu fördern. „Der Mittelstand ist echt gut aufgestellt“, sagt Katharina Neuber, seit diesem Jahr die erste Präsidentin des Vereins. Das liege auch daran, dass die Betriebe seit Jahrzehnten in der Stadt und Umgebung ansässig seien.

Als ein Beispiel nennt sie die Medizin-Branche, die sich zunehmend etabliert hat. Mit der Zeit kamen auch Zulieferer hinzu und setzten in den vergangenen Jahren so neue Akzente in Halberstadt. „Es ist auch so, dass ein gewisses Grundvertrauen den Unternehmen gegenüber da ist“, beobachtet Neuber. Diese Nähe zwischen Unternehmen und Beschäftigten erweise sich häufig als Vorteil. Schnell fallen ihr da drei Beispiele ein:

  • Ein Betrieb bezahlte der Fachkraft den Führerschein, damit sie mobiler ist.
  • Ein Betrieb ermöglichte einer Arbeitnehmerin individuelle Arbeitszeit- und Vergütungsmodelle, damit sie vier Monate im Jahr auf Weltreise gehen kann.
  • Mit Auszubildenden lernen die Verantwortlichen bei Bedarf auch nach Feierabend zusammen für eine Prüfung.

Hinzu komme die Beteiligung an der lokalen Wirtschaftsförderung sowie das soziale Engagement der Mitgliedsbetriebe durch Spenden. Bei einer Adventskalender-Aktion kamen im Vorjahr so rund 3000 Euro für lokale Initiativen und Vereine zusammen.

Wertschöpfung vor Ort erhalten

Auf dieses Miteinander lege die Roland-Initiative Halberstadt besonderen Wert: „Bei uns ist es wichtig, dass die Unternehmer:innen vor Ort sich kennen und dass die Wertschöpfung eben vor Ort in der Region bleibt“, betont Neuber. Im Jahr 2019 galt Halberstadt als die einzige Mittelstadt Sachsen-Anhalts mit überdurchschnittlichem Wachstum und erhielt vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) die höchste Kategorie im Wachstums-Ranking; 2011 war die Stadt noch schrumpfend. Gleichzeitig lag der Landkreis Harz im Prognos-Zukunftsatlas 2019 auf Platz 369 von 401 als Region mit „hohem Zukunftsrisiko“.

Diese Entwicklung war keineswegs selbstverständlich. Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung gerieten die Großunternehmen Maschinenbau Halberstadt und das damalige Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Halberstadt (heute: Verkehrs-Industrie-Systeme – VIS) in Schwierigkeiten und produzieren heute in deutlich geringerem Umfang. Der Mittelstand hat das offenbar kompensiert: Lag die Arbeitslosenquote im Landkreiz Harz 2011 noch bei 10,7 Prozent, halbierte sie sich bis 2019 auf 5,3 Prozent.

Von Pleiten und Neuanfängen

Neuber hat diese Entwicklungen aus nächster Nähe mitverfolgt. Nach ihrem Studium in Verwaltungsökonomie an der Hochschule Harz arbeitete sie zunächst in einer Public-Private-Partnership in einer Wirtschaftsförderung – und entschied sich damit für die Region statt für lukrativere Angebote andernorts. Danach führte sie acht Jahre lang eine Marketing-Agentur, in der sie Start-ups ebenso begleitete wie Insolvenzen.

Die Zeit beschreibt sie als „total spannend“ und merkt an: „Man muss sich die Perspektiven auch schaffen.“ Das sei in den vergangenen Jahren mit einer guten Durchmischung an Unternehmensfeldern gut gelungen, sodass die meisten Betriebe relativ sicher durch Krisensituationen gekommen seien. Sie selbst plant in diesem Monat, in der Innenstadt einen Fashion- und Concept-Store zu eröffnen, in dem nur mit Termin und persönlicher Beratung eingekauft werden kann.

Die Roland-Initiative agiert dabei auch als Mittlerin zwischen Stadtverwaltung und den Mitgliedsbetrieben. Im Präsidium finden sich die verschiedenen Expertisen der jeweiligen Branchen ein und arbeiten an gemeinsamen Standpunkten. „Es soll jetzt auch eine Kooperationsvereinbarung mit der Stadt Halberstadt geben, um bestimmte Themen auf der Agenda zu behalten, damit sie durch Präsident:innenen-Wechsel nicht in Vergessenheit geraten“, führt Neuber aus.

Kooperationsvereinbarung für Planungssicherheit

Inhaltlich gehe es da um Themen wie eine Ortsumgehung, Gewerbesteuer-Hebesatz, Erleichterungen für Handwerker:innen wie Parkkarten, wie junge Menschen in der Region gehalten werden und Ausbildungsplätze beworben werden oder wie sich Unternehmen attraktiver besser präsentieren können. „Themen, die die Wirtschaft in ihrem Alltag bewegen“, fasst Neuber zusammen. Die Kooperationsvereinbarung soll noch in diesem Sommer erarbeitet und mit konkreten Zielen versehen werden, die die Parteien künftig bei zwei Treffen pro Jahr überprüfen, erklärt sie weiter.

Handwerksbetriebe wünschten sich bei öffentlichen Ausschreibungen zudem mehr Fokus auf regionale Wertschöpfungsketten, „dass auch die Stadt Halberstadt beispielsweise im Rahmen ihrer Möglichkeiten dafür Sorge trägt, dass Aufträge eben an regionale Unternehmen vergeben werden“, schildert Neuber. Sie selbst sehe beim Tourismus noch mehr Potenzial für eine Zusammenarbeit der verschiedenen Akteur:innen auf Landkreis-Ebene.

Bewährter Zusammenschluss

Darüber hinaus hätten interessierte Unternehmen durch Zusammenschlüsse wie die Roland-Initiative einfachen Zugang zu etablierten Betrieben, um sich über die Standortfaktoren zu informieren. Dafür hat der Verein für die Wirtschaftsförderung einen Letter of Intent mit grundlegenden Informationen und weiteren Kontakten vorbereitet. Auch während der Corona-Pandemie habe sich der Zusammenschluss bewährt, da etwa Schnelltests als Einkaufskooperation in Großbestellungen deutlich günstiger gekauft werden konnten. „Das stellen wir dann auch mal eben noch mit auf die Füße“, verweist Neuber auf das komplett ehrenamtliche Engagement der Mitglieder.

Auch durch diese beständige Arbeit habe Halberstadt und durch die Verbesserung der Infrastruktur in den vergangenen Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, vermutet die Präsidentin der Roland-Initiative. Hinzu komme ein gesellschaftlicher Wandel, dass gerade junge Menschen Freizeit und weiche Faktoren mehr schätzten als ein hohes Einkommen:

Das sind alles Punkte, die eben dazu führen, dass so eine Stadt sich positiv entwickelt.

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