Ein Leben unterm Blimp

Im März war Lena zum ersten Mal in Afghanistan – damals in Kabul und Masar-e-Scharif – zu Besuch. Bei ihrem zweiten Besuch nur drei Monate später hat sich Einiges verändert.

Kabul: Ein Leben unterm Blimp

Ein bis zwei Prallluftschiffe schweben täglich über der Stadt und beobachten Menschen und Bewegungen unten. Das US-Militär stellt leider keine Auswertung zur Verfügung, was die jahrelange Dauerbeobachtung tatsächlich bewirkt hat.

Im März war Lena zum ersten Mal in Afghanistan – damals in Kabul und Masar-e-Scharif – zu Besuch. Bei ihrem zweiten Besuch nur drei Monate später hat sich Einiges verändert.

Den Blick aus dem Fenster kenne ich inzwischen. Egal, wo man sich gerade in Kabul aufhält, sobald man eine gewisse Blickhöhe erreicht hat, sieht man ihn über der Stadt schweben: Den Blimp, das Prallluftschiff, das für das US-Militär die Menschen hier beobachtet. Angeblich sollen so Anschläge verhindert werden. Eine Auswertung darüber, welchen Effekt die Dauerbeobachtung tatsächlich hat, kann ich nirgends finden. Generell habe ich das Gefühl, dass eine gewisse Traurigkeit den Alltag bestimmt.

Das Bisschen Hoffnung schwindet

Rada Akbar, eine Künstlerin und Fotografin, die ich bereits im März in ihrer beeindruckenden Superfrauen-Ausstellung kennen lernen durfte, erklärt im Gespräch mit mir: “Wir haben alle versucht, zu verdrängen, wie schlimm die Lage ist. Das gelingt jetzt nicht mehr so gut.” Auch sie selbst habe im März noch irgendwie zumindest “ein bisschen Hoffnung” gehabt, dass sich etwas zum Guten wenden könne. Dabei sei es nicht so, dass die Lage in den zurückliegenden zwanzig Jahren – so lange der NATO-Truppeneinsatz angedauert habe – jemals wirklich gut gewesen sei.

„Es ist kein Monat ohne Attentate vergangen. Es gab immer Explosionen, es gab immer gezielte Morde.“

— Rada Akbar, Künstlerin und Fotografin
Rada Akbar hat ihre Superfrauen-Ausstellungen den in Afghanistan getöten Frauen gewidmet.
Rada Akbar hat ihre Superfrauen-Ausstellungen in diesem Jahr den in Afghanistan getöten Frauen gewidmet.

Mit den Ausstellungen will sie nicht nur an an die Frauen erinnern und ihre Geschichten erzählen, sondern auch Gerechtigkeit für die nie aufgeklärten Morde fordern. Die gesamte Ausstellungsreihe möchte mit Vorurteilen über afghanische Frauen brechen.

(Un)freiwillige Rückkehr

Während ich Akbar noch persönlich in Kabul zum Interview treffen kann, gelingt mir das bei anderen Gesprächspartner:innen nicht mehr. Said (Name geändert) beispielsweise hatte sich im März noch mit mir in einem kleinen Fastfoodrestaurant getroffen und mir geschildert, wie es ihm ergeht. Er ist Mitte 20 und gehört zu jenen, die “freiwillig” aus Deutschland nach Afghanistan zurückgekehrt sind. Die Anführungszeichen nutze ich deshalb, weil der Begriff eigentlich unpassend ist, obwohl die offizielle Bezeichnung seiner letzten Reise so lautet und die Statistik ihn ebenso erfasst. Said hat mehr als vier Jahre in München gelebt, wurde dabei aber nie vollständig als Schutzsuchender anerkannt. In dieser Zeit hat er eine in Norwegen lebende Afghanin geheiratet, sie würden gern zusammenziehen.

Da das norwegische Rechtssystem allerdings – übrigens ebensowenig wie das deutsche – keinen Wechsel von einer Schutzsuche zu einem Heirats- oder Familiennachzugsvisum vorsieht, musste er nun zurück in seine Heimat, um von dort aus ein solches Visum zu beantragen. Dabei spielt es keine Rolle, dass er eigentlich aus seiner Heimat vor der konkreten Bedrohung durch die Taliban geflüchtet war; er hatte als Sicherheitskraft für das GIZ gearbeitet. Es spielt auch keine Rolle, dass die norwegische Botschaft hier im Land gar keine Abteilung für Visa betreibt, da sie die Bedrohungslage für die eigenen Mitarbeiter als zu hoch einschätzt. Für Said bedeutet das, dass er ein weiteres Visum beantragen musste, um in ein Land zu gelangen, von dem aus er dann wiederum das norwegische Visum beantragen konnte.

Eineinhalb Jahre hat er in Afghanistan verbracht. Jenem Land, aus dem er eigentlich geflüchtet war. Bis heute hat er noch keinen Bescheid von der norwegischen Botschaft erhalten. Inzwischen jedenfalls hält er sich in Uzbekistan auf, weil seine Angst vor den Taliban und die Bedrohungslage durch sie mit ihrem Vorrücken immer größer und konkreter wurde.

Terror und Pandemie in Afghanistan: Der Tod als Dauerthema

In vielen Gesprächen ist das Verlassen des Landes ein Thema. Mir komplett unbekannte Menschen fragen mich, wie einfach es sei, ein Visum nach Europa zu beantragen und ob ich einen Tipp habe. Andere erzählen von Verwandten und Bekannten, die vor kurzem gegangen seien. Auch der Tod ist ein Dauerthema – nicht nur wegen der Anschläge. Covid-19 fordert in der aktuellen Welle erneut viele Opfer und tatsächlich erlebe ich diesmal eine gewisse Bewusstheit der Pandemie im Alltag. Bei meinem ersten Besuch hier waren Masken eine Seltenheit, Händeschütteln und Umarmungen usus. Diesmal gibt es Desinfektionsmittel auf den Tischen und deutlich mehr Menschen, die draußen auf der Straße, bei einer gemeinsamen Autofahrt oder im Restaurant eine Maske tragen.

Strom und Wasser als Luxus

Dann sind da die Dinge, die den Alltag ganz konkret einschränken. Während bei meinem ersten Besuch, der Strom recht zuverlässig ein paar Stunden am Tag ausfiel und man sich auf diese Phase ohne Elektrizität (und WLAN) einstellen konnte und sie oft Anlass für Witze gab, bin ich jetzt froh über mein zweites Smartphone und die Powerbank, die ich mitgenommen habe. An manchen Tagen haben wir gerade einmal zwei Stunden Strom: Zwei Stunden Zeit, Akkus zu laden, den Warmwasserboiler aufzuheizen, das WLAN zu nutzen und die kaum isolierte Wohnung mit Hilfe der Klimaanlage ein klein wenig herunterzukühlen. Am dritten Tag nach meiner Ankunft fehlt nicht nur Strom, sondern auch Wasser; an die kalte Dusche am Morgen hatte ich mich eigentlich schon gewöhnt. Ich muss dazusagen, dass wir in einer guten Gegend von Kabul leben – etwas weiter außerhalb dauern die Stromausfälle derzeit oft mehrere Tage an.

Die übrigen Veränderungen, die stattgefunden haben, kann ich nur schwer in Worte fassen. Es ist eher die Grundstimmung eine andere. Ich würde sie nicht unbedingt angespannt nennen, aber ängstlicher und ganz bestimmt trauriger. Ich selbst habe keine Angst, auch kein Bauchweh und ich schlafe tief. Ich gehe selbstbewusster als beim ersten Besuch auf die Straße und bewege mich innerhalb eines – kleinen – gewissen Radius‘ allein zu Fuß fort. Gleichzeitig merke ich permanent, dass etwas anders ist: Die Gespräche sind politischer, die Themen trauriger und fast alle Menschen, mit denen ich spreche, erzählen davon, dass sie zur Zeit sehr müde seien, müder als normalerweise.

Bei meiner ersten Reise hier war mir aufgefallen, dass der stetige Beobachter, das US-Luftschiff am Himmel, kaum jemandem auffällt. Bei meinem zweiten Besuch, nur drei Monate später, ist er auf einmal Thema. Überhaupt kommt Vieles zur Sprache, was im März nur unterschwellig angeklungen war.

Dieser Text ist ein kleiner Vorgeschmack auf unsere Reihe zu Afghanistan. Lena Reiner war in diesem Jahr zweimal vor Ort; einmal im März und einmal Anfang Juli. Wir veröffentlichen hier nach und nach ungekürzte Artikel und Interviews aus beiden Reisezeiträumen.

Beitrag veröffentlicht am 05. Aug 2021

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