Impfgegner und Friedensaktivist: Wäre Mahatma Gandhi heute Teil von Querdenken?

Mahatma Gandhi ist ein beliebtes Plakatmotiv auf Demonstrationen gegen eine Impfpflicht oder die Coronamaßnahmen. Doch wäre der indische Unabhängigkeitskämpfer und Friedensaktivist tatsächlich heute Teil der Bewegung?

Sein Gesicht blickte den Anwesenden in Überlebensgröße von der Bühne entgegen, als eine der ersten Demonstrationen von Klardenken Schwaben in Friedrichshafen stattfand: Mahatma Gandhi. Auch anderswo war der Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung und Vertreter der Gewaltfreiheit, oft lediglich sein Gesicht, als Banner, Plakat oder Sticker immer wieder zu sehen. Manchmal gab es ein Zitat dazu.

Eine Krankheit wie ein Stahlbad

Mein erster Impuls, als ich sah, dass Gandhi auf Veranstaltungen aus dem Querdenken-Umfeld gezeigt wird, war eindeutig Wut. Mir ist bewusst, dass seine Person durchaus kritisch gesehen werden kann und sein Aktivismus nicht immer so friedlich war, wie er gern dargestellt wird. Doch Gandhi ein Impfgegner? Das wäre mir nie in den Sinn gekommen.

Rechts in blau ruft Friedenskettenorganisator Gerry Mayr zum Massenspaziergang auf
(v. li.) Friedensketteninitiator Gerry Mayr und sein Schweizer Ko-Organisator Jean Claude Greuter sind zur Demo durch den Regen gejoggt, um die Nachfolgeveranstaltung der Großversammlung anzukündigen. Nur dem Ordnungsamt möchten sie die Versammlung nicht melden. Das sei nicht notwendig, da es sich um den Zieleinlauf eines Halbmarathons handle, mit dem sie den Konstanzer Trichter füllen möchten.

Nun las ich kürzlich den sehr ausführlichen und empfehlenswerten Text „Impfgegner: 200 Jahre reaktionärer Widerstand”, erschienen auf dem Blog des österreichischen Standard, und entdeckte dort mittendrin zwei Absätze zu Gandhi und siehe da: Er soll tatsächlich ein Impfgegner gewesen sein. Autor Christian Kreil zitiert ihn mit den Worten: „Der Impfstoff ist eine schmutzige Substanz und es wäre närrisch zu erwarten, dass eine Art Schmutz eine andere entfernen kann.“ Die Krankheit Pocken habe der Inder zu einer Art Stahlbad verklärt. Sie seien als „eines der besten Hilfsmittel der Natur dafür anzusehen, das im Körper angesammelte Gift loszuwerden und eine normale Gesundheit wiederherzustellen.“ So brutal und zynisch kann Gewaltfreiheit sein, lautet Kreils Fazit.

Vermeintliche inhaltliche Nähe

Mein erster Gedanke ist: Verdammt, dann haben Klardenken und Querdenken und wie sich die Verschwörungsgläubigen, die sich mit kruden Thesen gegen das Impfen richten, selbst bezeichnen, ja doch ein Anrecht auf ihn – inhaltlich zumindest. Dann aber mag ich doch mehr lesen und schaue mich online um, was meine liebste Suchmaschine Ecosia rund um Gandhi und das Thema Impfen zu bieten hat. Ein aktuellerer Artikel der „Hindustan Times” findet sich ziemlich weit oben.

Die Autorin liefert fünf Gandhi-Zitate, die dabei helfen sollen, die Coronapandemie besser zu überstehen: Hier jedenfalls ist impfgegner:innenfreie Zone.

Auf der Suche nach dem Original

Als ich meine Suche um den Begriff „barbarisch“ ergänze, finde ich mehr von dem, was Gandhi über das Impfen geschrieben hat – teilweise stammt es aus seinem Tagebuch. Und ja, da stehen die Worte: Impfen ist ein barbarischer Akt. Ich unterdrücke den Impuls, genervt aufhören zu lesen und schaue mir die Zitate in voller Länge an. Nandini Oza hat recht aktuell einen Artikel zum Thema für “The Wire – Science“ geschrieben: „A Vaccination Debate in Sabarmati Ashram, Through Mahadevbhai Desai’s Diaries“.

„Impfen ist eine barbarische Praxis, und sie ist eine der tödlichsten aller Täuschungen unserer Zeit, die nicht einmal bei den sogenannten wilden Rassen der Welt zu finden ist. Seine Befürworter:innen geben sich nicht mit der Annahme durch die, die nichts dagegen haben, zufrieden, sondern versuchen, sie mit Hilfe von Strafgesetzen und rigorosen Strafen gegen alle Menschen gleichermaßen zu verhängen.“

(Die grau unterlegten Absätze enthalten englische Zitate. Durch Klicken/Tippen werden die originalen Passagen angezeigt.)

Ein Zitat gegen die Impfpflicht

In diesem Absatz bezeichnet er das Impfen an sich als barbarischen Akt und richtet seine Worte vor allem gegen jene, die anderen die Impfung aufzwingen möchten – das Zitat ließe sich also heute gegen eine Impfpflicht verwenden. Auch zitiert Gandhi die Argumente der Impfgegnergemeinschaft, über die er sich grundsätzlich positiv äußert. Unter den zitierten Aussagen der Gemeinschaft findet sich auch das Zitat, das Kreil Gandhi zuschreibt, obwohl dieser es auch nur wiedergegeben hat: „Der Impfstoff ist eine schmutzige Substanz und es wäre närrisch zu erwarten, dass eine Art Schmutz eine andere entfernen kann.“

Also war Gandhi tatsächlich ein typischer “Querdenker” im aktuellen Sinne?

Ein Blick etwas nach vorn in den Beginn des Kapitels gibt zumindest einen Hinweis, dass Keils Interpretation etwas zu harsch ausgefallen sein könnte. Hier wird zwar einerseits in der ersten Person Plural der Glaube in Indien geschildert, dass Pocken tatsächlich etwas Gutes seien, aber Gandhi schließt die Beschreibung des Gedankengangs mit folgendem Satz ab: „Wenn diese Ansicht richtig ist, braucht man sich vor Pocken absolut nicht zu fürchten.“ Ganz überzeugt war er von dieser Deutungsweise der Krankheit also nicht. Überhaupt ist auffällig, wie viel er in Frage stellt.

Impfen als barbarischer Akt

Anderswo in seinem Text – alle drei Passagen stammen aus seinem “Guide to Health” und zwar aus Kapitel 6 “Contagious deseases: smallpox” – führt Gandhi dann deutlich aus, wieso er das Impfen als barbarisch ansieht. Da schreibt er dann beispielsweise:

„Außerdem ist die Impfung ein sehr schmutziger Prozess, denn das Serum, das dem menschlichen Körper zugeführt wird, umfasst nicht nur das der Kuh, sondern auch das des Pockenpatienten selbst. Ein durchschnittlicher Mann würde sich beim bloßen Anblick dieses Zeugs sogar übergeben.“

Der Kontext zählt

Hier wird klar, dass das, was er am Impfvorgang barbarisch findet, auf die heutigen Impfungen gar nicht mehr zutrifft – denn weder werden Impfstoffe heute von lebendigen Kühen gewonnen, noch für jede Kanüle Sekret aus einem infizierten Körper oder gar aus entzündeten Körperstellen. (Eine der ältesten Impfpraxen der Welt wurde übrigens um Einiges früher in China entwickelt und bestand darin, Menschen gemahlenen Schorf von Pockenbeulen in die Nase zu pusten.) Außerdem müssen wir heute bedenken, dass Impfen damals noch neuartig war und es wenig Erfahrungswerte gab.

So findet sich in Gandhis Ausführung über die Pocken auch ein Absatz, der an die heutige Debatte rund ums Boostern erinnert, wobei man heute eigentlich bereits weiß, dass Impfungen eine Auffrischung benötigen – ist dies doch auch bei sämtlichen “üblichen” Impfungen wie Masern, Mumps, Röteln oder Tetanus im Kindesalter nötig. „Die ursprüngliche Theorie war, dass eine einzige Impfung ausreichen würde, um einen Mann [S. 106] lebenslang immun gegen diese Krankheit zu halten; aber als sich herausstellte, dass sogar geimpfte Personen von der Krankheit befallen wurden, entstand eine neue Theorie, dass die Impfung sollte nach einer gewissen Zeit erneuert werden“, heißt es da.

Fokus auf das Tierwohl

Und dann gibt es einen Aspekt, den ich – ebenfalls aufs Tierwohl bedacht – gut nachfühlen kann. Da fragte Gandhi nämlich laut den Aufzeichnungen eines seiner Weggefährten, wie er denn angesichts einer Krankheit von seiner Überzeugung abweichen könne? Gandhi ist der Ansicht, dass die Impfung genauso schlimm sei, wie Rindfleisch zu essen.

In seinen eigenen Worten nachzulesen ist auch zu diesem Sachverhalt eine Passage in “A Guide to Health”. Sie lautet wie folgt:

„Das Trinken des Blutes selbst toter Tiere wird selbst von gewohnheitsmäßigen Fleischesser:innen mit Entsetzen betrachtet. Doch was ist eine Impfung anderes als das Aufnehmen des vergifteten Blutes eines unschuldigen lebenden Tieres?“

Vergiftetes Blut

Es geht also weniger darum, ob die Impfung wirkt oder nicht wirkt. Viel mehr betrachtet Gandhi es als unmoralisch, einem Tier zu schaden, auch wenn es dazu dienen könnte, sich selbst zu helfen:

„Für gottesfürchtige Menschen wäre es weit besser, wenn sie tausendmal den Pocken zum Opfer fallen und sogar einen schrecklichen Tod sterben, als dass sie sich eines solchen Sakrilegs schuldig machen.“

(Wer weiterlesen möchte, findet “A guide to health” online: https://www.gutenberg.org/files/40373/40373-h/40373-h.htm – das Kapitel zu Pocken beginnt auf Seite 105 – am einfachsten geht das über die Suchfunktion.)

Die Erkenntnis und Reue des Mahatma Gandhi

Zu guter Letzt soll er aber dann auch von dieser Meinung abgewichen sein. So wird folgendes Zitat von ihm überliefert, als er mit dem tatsächlichen Sterben von Kindern um ihn herum konfrontiert war:

„Ich kann nicht schlafen. Diese Kinder verblassen wie kleine Knospen. Ich spüre das Gewicht ihres Todes auf meinen Schultern. Ich überredete ihre Eltern, sie nicht impfen zu lassen. Jetzt sterben die Kinder. Es kann, fürchte ich, das Ergebnis meiner Unwissenheit und Hartnäckigkeit sein; und deshalb fühle ich mich sehr unglücklich. (aus: Reminiscenes of Gandhiji, S. 151)

Letztlich ist es meiner Ansicht nach nicht wichtig, was Gandhi irgendwann einmal gedacht hat. Seine letzte Ansicht über das Impfen an sich – angewandte Impfpraxis hin oder her – war eine überzeugte.

Unsaubere Recherchen, verzerrte Zitate

Meine Wut bleibt daher; meine Wut darüber, dass er von der Bewegung, die sich mal Querdenken, mal Klardenken und mal “Montagsspaziergang” nennt, geradezu missbraucht wird und seine Ansichten verdreht dargestellt werden. Die Wut richtet sich allerdings auch gegen jene Plattformen, die gegen die Bewegung anschreiben. Häufig recherchieren die Autor:innen dann doch nicht tiefergehend und lassen Gandhi in der Ecke stehen, in die er von den Verschwörungsgläubigen gedrängt wurde: Indem sie ihn nur bruchstückhaft zitiert haben.

Ich halte es für zu stark vereinfacht, wenn nicht sogar diffamierend, ihn als Impfgegner im heutigen Sinne zu bezeichnen. Ich schließe daher mit einem Appell, den ich oft auch privat äußere: Lasst uns genau hinschauen, Sachverhalte und Menschen differenziert sehen. Komplexität ist anstrengend, Zuspitzungen und Reduzierung erscheinen vielleicht einfach, sind aber gleichzeitig gefährlich.

Unseren ausführlichen Beitrag zu Querdenken lest ihr auf Witness Europe.

Beitrag veröffentlicht am 26. Dez 2021

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