Freiwilligen-Agentur Nordharz: Anlaufstelle für ehrenamtliches Engagement

Etabliert und doch gefährdet: Mit ihrer Arbeit hat die Freiwilligen-Agentur Nordharz offenbar den richtigen Nerv getroffen. Wer Unterstützung benötigt oder sich in einem Ehrenamt einbringen will, hat in Halberstadt, Quedlinburg und Wernigerode eine Anlaufstelle. Doch obwohl sich dieses Konzept innerhalb des Diakonischen Werkes Halberstadt seit fast 20 Jahren bewährt, sehen die Koordinator:innen ihre Arbeit zunehmend mit finanziellen Unsicherheiten konfrontiert.

Mehr als 200 Menschen habe die Freiwilligen-Agentur derzeit vermittelt und begleite sie aktiv, sagt Team-Leiterin Ina Blessinger. Das Spektrum deckt dabei zahlreiche Aspekte ab:

  • Familien- und Seniorenbegleitung
  • Begleitender Dienst in Pflegeheimen, Kindertagesstätten oder im Krankenhaus
  • Stadt- und Kirchenführungen
  • Hausaufgabenbetreuung
  • Sprachunterricht für Zugewanderte
  • Unterstützung in Museen und Bibliotheken
  • Leitung von Seniorengruppen

Mit der 2020 gestarteten Selbsthilfekontaktstelle Pflege unterstützt die Freiwilligen-Agentur außerdem dabei, Selbsthilfegruppen, Fachveranstaltungen und Fortbildungen rund um das Thema pflegende Angehörige zu organisieren.

Mehrere Alleinstellungsmerkmale

„Wir sind hier schon ein bisschen Exoten“, sagt Blessinger und führt dafür gleich mehrere Gründe an. Zum einen seien Freiwilligen-Agenturen in Sachsen-Anhalt nicht sonderlich verbreitet. Noch seltener würden sie von einem Träger wie dem Diakonischen Werk getragen, sondern eher von Bürgerinitiativen oder Stadtteil-Zentren. Zum anderen nennt sie die breite inhaltliche Ausrichtung und über den gesamten Landkreis Harz.

Damit weist die Freiwilligen-Agentur im Nordharz gleich mehrere Alleinstellungsmerkmale auf. Anlaufpunkte wie Stadtteilzentren mit offenen Angeboten für die Menschen gebe es nur bedingt – und auch kein ausgeprägtes Bewusstsein, was so ein Engagement bewirken kann, beobachtet auch Isabell Koch, Bereichsleiterin für Beratung und Soziales bei der Diakonie:

Das Engagement erlebt man hier in Feuerwehr, Schützenverein und Sportverein in unterschiedlichen Ausprägungen. Aber dieses Engagement in der Freiwilligen-Arbeit, das ist hier noch nicht so wirklich etabliert und kann ausgebaut werden.

Gerade für Rückkehrer:innen und Zugezogene könnten solche Angebote Anknüpfungspunkte bieten, um auch wirklich im Harz anzukommen.

Verstärktes gesellschaftliches Engagement durch Coronavirus-Pandemie

Trotz – oder gerade wegen – der Coronavirus-Pandemie könnte sich dieses Bewusstsein verstärkt eingeprägt haben. Denn als sich zahlreiche Menschen nicht mehr aus der Wohnung trauten und andere dies kaum mehr konnten, schaffte die Freiwilligen-Agentur Halberstadt kurzfristig Abhilfe: Mit Fördergeldern für die Fahrräder und einem Netzwerk an Engagierten, Hygienekonzept und Schutzausrüstung wurden Einkäufe und andere alltäglichen Erledigungen ermöglicht. Als die Ausrüstung knapp wurde, fanden sich kurzfristig Gruppen, um Alltagsmasken zu nähen.

In dieser herausfordernden Situation rückte die Gemeinschaft enger zusammen. „In der Beziehung ist Corona nochmal eine gute Chance gewesen“, bilanziert Blessinger daher. Die Menschen fragten inzwischen nach den Kontakten zu den Helfer:innen und auch diese stellten fest: Dieses Engagement bringt mir eigentlich viel mehr als nur die Einkaufhilfe. Ich habe da meine sozialen Kontakte. Ich habe meinen Austausch, ich kann etwas Gutes tun.“ Und das werde von Mensch zu Mensch weitergegeben.

Über das Ehrenamt ins Berufsleben

Als weiteres Alleinstellungsmerkmal sieht Blessinger, dass sich häufig Menschen engagierten, die keiner Haupterwerbstätigkeit nachgingen, also beispielsweise Arbeitslosengeld II oder eine Erwerbsunfähigkeitsrente erhielten. Gemeinsam werde dann entsprechend der Fähigkeiten eine passende ehrenamtliche Betätigung gesucht. Hier profitiere die Freiwilligen-Agentur von der engen Anbindung an die Erwerbslosen-Beratung, aus der sie im Jahr 2002 hervorgegangen ist, und der ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB), die ebenfalls vom Diakonischen Werk getragen wird.

Über das freiwillige Engagement habe so manche:r dann auch wieder ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis gefunden. Gleiches gelte für die rund 20 Bundesfreiwilligendienstleistenden im Diakonischen Werk Halberstadt, von denen in jedem Jahr zwei bis drei anschließend einen Arbeitsvertrag erhielten. „Da sind auch richtige Schicksale, die sich so ins Positive wenden“, sagt Koch.

Offene Angebote gewünscht

Damit noch mehr Menschen für freiwilliges Engagement in Halberstadt gewonnen werden und von offenen Angeboten profitieren können, würden sich die beiden mehr Unterstützung vonseiten der Stadt wünschen. „Die Ideen gibt es schon“, sagt Blessinger und nennt als Beispiel Stadtteilzentren, an die eine Wohnungsberatung oder ein Café angebunden sein könnten. Doch diese Ideen aufzugreifen und voranzutreiben, sei selbst im Verbund nur schwer zu schaffen.

Ein Grund dafür ist auch darin zu finden, wie sich die Freiwilligen-Agentur in Halberstadt finanziert. „Es gibt keine Landesförderung, keine kommunale Förderung“, führt Blessinger aus. Deshalb müssten die Verantwortlichen immer wieder nach Projekten suchen, für die Förderungen infrage kämen – und an denen sich Freiwillige beteiligen. So wie etwa bei den Bringdiensten während Corona oder dem neuen Schwerpunkt auf Selbsthilfegruppen. „Meist gibt es dann keine Anschlussfinanzierung“, beschreibt Koch.

Ein Puzzle an Projekten

Dadurch würden Projekte manchmal gestoppt, bevor sie ihr volles Potenzial entfalten könnten oder aus eigenen Mitteln finanziert. „Und so puzzeln wir unsere Arbeit zusammen, immer an dem orientiert, was der Markt gerade so hergibt“, fasst Koch zusammen. In den 20 Jahren der Freiwilligen-Agentur habe sich das Ehrenamt dennoch in so mancher Einrichtung etabliert und so dazu beigetragen, die Lebensqualität vor Ort zu verbessern.

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