Familiennachzug aus Eritrea: Jahrelanges Warten auf das Recht

Hanan Mohamed Abdel Kader und Abeba Berihu stehen stellvertretend für viele Menschen aus Eritrea, deren Antrag auf Schutz vor Verfolgung in Deutschland zwar anerkannt wurde, denen das Recht auf Familiennachzug aber bislang verwehrt bleibt: Hanan hat ihre Kinder seit siebeneinhalb Jahren nicht gesehen, Abeba ist seit knapp sechs Jahren in Deutschland und wartet seitdem auf die Möglichkeit, ihre Familie zu sich zu holen. „Einer meiner Söhne war erst ein Jahr alt, als ich ihn zurücklassen musste. Jetzt ist er bald ein Teenager”, schildert sie; unterstützt von Übersetzerin Luam.

Hanan erklärt, was das Hauptproblem der aktullen Situation ist.
Abeba schildert ihre Situation.

Mehr als 1400 betroffene Menschen haben sich inzwischen der Initiative „Familiennachzug Eritrea“* angeschlossen, die Hanan mitbegründet hat. „Der Körper ist zwar hier, aber im Geiste sind wir immer bei unseren Familien. Wir machen uns Sorgen um sie“, beschreibt sie. Es sei schwer, sich in Deutschland auf Schule oder Arbeit zu konzentrieren, während sich die eigenen Kinder weiterhin in Gefahr befänden. Diese andauernden Sorgen hätten Folgen für die Eltern: Es gehe ihnen körperlich schlecht, auch psychisch. Viele Betroffene litten an Depressionen, manche begingen sogar Suizid.

Hanan über die Schwierigkeiten der Integration.

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Sorge um die Familie

Abeba, die ebenfalls der Initiative angehört, ergänzt: „Viele von uns – auch ich – haben Familie oder Kinder, die sich gerade in Tigray in Äthiopien befinden. Dort ist es auch nicht sicher, es ist ein Kriegsgebiet.“ Um den Familiennachzug zu beantragen, müssen sich die Familienmitglieder auf die Deutsche Botschaft begeben; in Eritrea gebe es allerdings keine Ansprechpartner für sie.

Abeba über die Situation in Äthiopien und die ihrer Kinder.

So beginnt der Weg für alle Familienmitglieder gleich – unabhängig davon, ob sie von Eritrea nach Europa flüchten oder auf dem legalen und sicheren Weg des Familiennachzugs zu ihren bereits geflüchteten Eltern oder Ehepartner:innen ziehen möchten – und zwar mit einer gefährlichen Flucht aus dem Heimatland. Legal ist allerdings in diesem Fall allerdings Auslegungssache: Die Flucht gilt als illegal und gestaltet sich dadurch noch schwieriger.

Flucht mit großen Gefahren

Abebas Mann sei verhaftet worden, als er die gemeinsamen Kinder zur Grenze nach Äthiopien gebracht habe, erzählt Abeba. Monatelang habe sie nicht gewusst, wo er festgehalten wurde: „Eritrea ist kein Rechtsstaat. Es gibt keinen Gerichtsprozess und kein Urteil. Es gibt viele Gefängnisse und ich hatte keine Möglichkeit, herauszufinden, wo er sich aufhält.” Dabei habe zu jenem Zeitpunkt eigentlich alles so gut ausgesehen, führt Abeba aus: Sie hatte alle Unterlagen beisammen, die sie für den Antrag auf Familiennachzug benötigte; selbst DNA-Tests als Beleg für die familiären Verhältnisse: „Ich dachte: Endlich, endlich kommen meine Kinder zu mir und bald sind wir wieder zusammen.“

Dann habe die deutsche Botschaft allerdings erklärt, dass sie eine Unterschrift des Vaters benötigte, dass er damit einverstanden sei, dass ihre gemeinsamen Kinder mit nach Deutschland kämen: „Natürlich will er das“, meint Abeba; eigentlich sei seine Zustimmung doch allein daran erkennbar, dass er die Kinder an die Grenze gebracht habe, damit sie das Land verlassen könnten. Durch seinen Gefängnisaufenthalt habe sich daher das Antragsverfahren weiter verzögert.

Hürden beim Familiennachzug

Ohnehin dauere der Familiennachzug aus Eritrea deutlich zu lang, kritisiert sie und Hanan stimmt ihr zu. „Die deutschen Behörden gehen irgendwie davon aus, dass Eritrea ein bürokratisches System wie Deutschland hat. Sie verlangen Dokumente, die es dort de facto nicht gibt: 95 Prozent der Bevölkerung leben auf dem Dorf. Da ist es total gängig, dass die Kirchen so etwas wie Heiratsurkunden ausstellen.“ Diese würden in Deutschland dann aber – anders als in anderen EU-Ländern, wie Übersetzerin Luam ergänzt – nicht anerkannt.

In einem Gutachten kommen auch Expert:innen zu der Einschätzung, dass die Dokumentenbeschaffung für geflüchtete Menschen aus Eritrea kaum zumutbar sei. „Es bedarf daher der Klärung, welche amtlichen Dokumente tatsächlich nachträglich von eritreischen Behörden beschafft werden können und welche Bedingungen hierzu konkret erfüllt werden müssen“, heißt es abschließend.

Doch nicht nur existierten manche Dokumente gar nicht erst, andere müssten mit Hilfe der eritreischen Behörden beschafft werden. Ein Kritikpunkt, den beide Frauen teilen: „Eritrea sollte das gar nichts angehen. Wir haben uns in die Obhut von Deutschland begeben.“ Sie wüssten auch von anerkannten Flüchtlingen aus anderen Herkunftsländern, dass diese deutlich weniger Unterlagen für den Familiennachzug benötigten. „Wenn ich den anderen erzähle: Ich muss dies abgeben und das abgeben, dann wundern sie sich immer, weil es bei ihnen einfacher war.“

Doch damit nicht genug: Selbst die Buchung eines Termins bei der deutschen Botschaft in Äthiopien verzögert das Nachzugsverfahren zusätzlich: Bis zu zwei Jahre kann es dauern, bis Familienangehörige einen ersten Termin erhalten und mit diesem einen Termin ist es dann längst nicht getan. Dabei wäre Eile geboten. „Deutschland sollte die Kinder schnell da rausholen. Sie sind nicht sicher in diesem Kriegsgebiet“, betont Hanan. Eigentlich sei das auch ihr Recht, als anerkannte Flüchtlinge ihre Familie nachzuholen.

Zahlreiche Menschen betroffen

Wieder und wieder betonen Hanan und Abeba im Gespräch, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht alleine sind. Viele der 1400 Menschen, die sich der Initiative „Familiennachzug Eritrea“ angeschlossen hätten, teilten ihr Schicksal. Dabei wüssten die deutschen Behörden sehr wohl Bescheid über die Diktatur in Eritrea, dass dort willkürliche Verhaftungen an der Tagesordnung stünden und Familien getrennt seien.

Ein Beleg für diesen Umstand ist die enorm hohe Anerkennungsquote für Asylbewerber:innen aus Eritrea, diese liegt teilweise sogar über der Anerkennungsquote von Syrer:innen.

Letzteres, also die Trennung von Familien in ihrer Heimat, sei einer der Gründe für ihre eigene Flucht aus dem Land gewesen, betont Hanan: „Ich wollte nach Deutschland, um ein besseres Leben gemeinsam mit meiner Familie zu haben.“ Stattdessen vermisse sie nun seit Jahren ihre Angehörigen und komme nicht zu ihrem Recht: „Das ist unmenschlich.“ Auch Abeba betont, dass sie lediglich ihr Recht auf Familie gewährt haben wolle, ein Recht, das in Deutschland doch bestehe: „Ich will nichts von Deutschland. Ich will nicht, dass Deutschland die Flugtickets für meine Kinder zahlt. Ich möchte einfach nur die Genehmigung, sie herzuholen, ein Visum für sie.“

Bildung als Luxus

In den knapp sechs Jahren, die Abeba jetzt in Deutschland lebt, habe sie fast durchweg gearbeitet, um nicht nur für ihren eigenen Lebensunterhalt aufzukommen, sondern auch ihre Kinder zu unterstützen. Nur im ersten halben Jahr habe sie einen Deutschkurs besucht. „Ich weiß, dass Bildung wichtig wäre, um mich hier in die Gesellschaft einzubringen“, sagt sie, aber den Luxus, Zeit in Bildung zu investieren, habe sie nicht. Der deutsche Staat würde sich zwar um sie kümmern, wenn sie arbeitslos wäre, aber für ihre Kinder würde dann niemand finanziell sorgen: „Ich tue, was ich tun muss.“

Dabei wirke sich die Sorge manchmal negativ auf ihre Arbeit aus. Nicht alle hätten dafür Verständnis. Und genau darum, um mehr Verständnis zu bekommen, möchten Hanan, Abeba und die anderen Mitglieder der Initiative am 15. Mai eine Demonstration vor dem Auswärtigen Amt in Berlin veranstalten: „Wir möchten die Leute fragen: Wie würde es euch gehen, wenn ihr getrennt von eurer Familie leben müsstet?“ Es sei generell ein Problem, dass ihr Anliegen viel zu wenig Gehör finde. Mit der Demonstration möchten sie Menschen dazu einladen, sich in ihre Lage hineinzuversetzen. Den 15. Mai haben sie sich dabei bewusst ausgesucht: Es handelt sich um den internationalen Tag der Familie. „Eigentlich ein schöner Tag“, betont Hanan. Nur für sie sei er nicht schön, da sie von ihren Familien getrennt seien. Beginn der Demonstration ist um 11 Uhr.

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Hanan hofft auf zahlreiche Unterstützung.

*Korrektur: In der ursprünglichen Fassung hatten wir Hanan Mohamed als Mitbegründerin der Initiative „Familienleben für alle” bezeichnet. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Beitrag veröffentlicht am 14. Mai 2021

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4 Kommentare

  1. Dorothea

    Leider ist eine Information falsch: Hanan hat nicht die ‚Initiative Familienleben für alle‘ mit gegründet, sondern die ‚Initiative Familiennachzug Eritrea‘.
    Die ‚Initiative Familienleben für alle‘ wurde im Januar 2018 gegründet, um gegen die Einschränkungen des Familiennachzugs zu subsidiär geschützten Geflüchteten zu protestieren.

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    • Niklas

      Vielen Dank für den Hinweis! Wir haben die entsprechende Passage geändert.

      Antworten
      • Dorothea

        Das solltet ihr auch korrigieren: „Viele der 1400 Menschen, die sich der Initiative „Familienleben für alle“ angeschlossen hätten, teilten ihr Schicksal.“ Richtig ist: Viele der 1400 Menschen, die sich der Initiative „Familiennachzug Eritrea“ angeschlossen hätten, teilten ihr Schicksal.

        Antworten
        • Lena

          Liebe Dorothea, vielleicht zur Einordnung: Diese Seite wird derzeit in Eigenregie von Niklas und mir betrieben. Wir waren heute beide den ganzen Tag „auf Achse“ und konnten nur zwischendrin ganz kurz vom Handy auf den Text zugreifen. Da wir nicht die Möglichkeit hatten, den gesamten Text durchzugehen, haben wir die Änderung per Satz kenntlich gemacht, so dass klar ist, dass sie sich auf den gesamten Text bezieht und uns eine Erinnerung im Kalender gesetzt, den Text final zu ändern, sobald wir wieder an einen Schreibtisch kommen. Jetzt gerade bin ich als Erste von uns im Home-office angekommen und wollte das sofort ändern. Ist jetzt auch erledigt. Lieben Gruß, Lena.

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