Dmitro Soochekovs schmerzhafte Rückkehr nach Bachmut

Dmitro Soochekov hat eine frühe Gelegenheit genutzt, um mit seiner Familie aus Bachmut zu fliehen. Inmitten des Krieges ist er zurückgekehrt, um Besitztümer zu retten.

Die Eindrücke aus seiner Heimatstadt sind noch frisch. Fast zu frisch. Die Gesprächsanfrage lehnt Dmitro Soochekov deshalb zunächst ab. Er könne das noch nicht beschreiben, sagt er. Rund eine halbe Stunde später klingelt das Telefon des Übersetzers erneut: Er ist doch bereit zu reden.

Interview in Raucherecke

Im Hintergrund toben Kinder auf dem Spielplatz des Firmengeländes in Oratiw, auf dem Soochekov und seine Familie Zuflucht gefunden haben. Einen ruhigen Ort zum Reden bietet das zur Raucher-Lounge umfunktionierte Gartenhaus, hier findet das Gespräch Anfang Mai statt. Zu diesem Zeitpunkt brechen die russischen Angriffstruppen gerade bei Popasna durch und versuchen nach Nordwesten vorzurücken, um von dieser Seite aus den Kessel um Sjewjerodonezk und Lyssytschansk zu bilden.

Dmitro Soochekov ist mit seiner Familie aus Bachmut geflohen und wohnt nun in einem Gästezimmer bei Ahrobud in Oratiw.
Dmitro Soochekov ist mit seiner Familie aus Bachmut geflohen und wohnt nun in einem Gästezimmer bei Ahrobud in Oratiw.

Soochekov ist trotzdem in das rund 30 Kilometer entfernte Bachmut aufgebrochen, das an einer bedeutenden Fernstraße liegt. „Ich habe ein paar Sachen geholt“, sagt Soochekov und lächelt müde. Kleidung, das Fahrrad seiner Tochter und Spielzeuge habe er geholt. Bei der Flucht Ende März war noch Winter, nun wird es wärmer. Er habe nicht das Geld, all diese Dinge neu zu kaufen. „Natürlich ist das gefährlich“, weiß er. Nur noch eine Straße führe von hier in Richtung Westen: „Wenn sie angegriffen wird, gibt es keinen Weg mehr.“

Ringen mit den Worten

Deshalb hat sich Soochekov entschieden zu fahren – bevor die Situation noch weiter eskaliert. Nun erschien es ihm noch halbwegs möglich. „Wie soll ich erklären, wenn dort bombardiert wird. Hier trinke ich Tee, sitze in der Küche und sehe aus dem Fenster zwei Flugzeuge fliegen“, ringt er noch immer mit Worten, die die Situation in Bachmut beschreiben könnten.

Er habe gesehen, wie die ukrainische Luftverteidigung gegen zwei russische Flugzeuge kämpfte. Immerhin um Artillerie habe er sich nicht sorgen müssen, die sei noch weit genug entfernt gewesen. „Aber in der Nacht nach meiner Rückfahrt ist eine Rakete eingeschlagen und es hat Tote gegeben“, merkt Soochekov an.

Gleichzeitig falle ihm schwer einzuschätzen, wie gefährlich die Aktion nun gewesen sei. „In der ganzen Ukraine ist es gefährlich“, sagt er; auch wenn der Donbass besonders umkämpft ist.

„Es war vor zwei Wochen gefährlich, es ist jetzt gefährlich.“

Dennoch sei es notwendig gewesen, zu gehen.

Emotionale Rückkehr

Leicht sei es ihm die Rückkehr nicht gefallen. Die Schäden in der vertrauten Umgebung, die Häuser ohne Fenster und dann noch der begrenzte Platz im Auto, um Habseligkeiten mitzunehmen. „Das macht es noch schwieriger“, sagt Soochekov. Mehr als 15 Jahre habe er in Bachmut gelebt, ein ruhiges Leben geführt. Den Lebenstraum, Arzt zu werden, konnte er sich zwar mangels Geldes nicht erfüllen.

Immerhin ein Einkommen, mit dem er über die Runden kam, bot sein Job in der Stahlfabrik. Wieder den Dnjepr zu überqueren, zurück in den vertraute Umgebung zu kommen, habe ihm im ersten Moment sogar Freude bereitet. „Aber wenn du mit der Region Donezk vertraut bist, hast du dann kein Lächeln mehr im Gesicht“, merkt er an. 

Verlorene Heimat, ungewisse Zukunft

Denn der Arbeitsplatz ist Geschichte, ob er jemals wieder in einem Zuhause leben kann, weiß er nicht. „Dann musst du entscheiden, was für dich wichtig ist und was du für die nahe Zukunft mitnehmen willst“, sagt Soochekov über die Rückkehr in seine Wohnung. Das zu entscheiden, beschreibt er als große Herausforderung. Wie auch? „Wir wissen nicht, was unsere Endstation sein wird und es ist unmöglich, alles mitzunehmen“, führt er weiter aus. 

Wie es sich anfühlt, in eine solche Heimat zurückkehren? „Also, vielleicht kommt sogar ein bisschen Hoffnung auf, dass unsere Jungs die Stellung halten“, sagt Soochekov. Liebend gerne würde er eine Gegenoffensive sehen, die die russischen Truppen bis an ihre Grenze zurückdrängt. Er entschuldigt sich, er fühle sich noch immer träge und könne nur schwer einen Gedanken formulieren.

Frühe Flucht

An der Front sehe er sich derweil nicht. „Ich habe nicht gedient“, sagt Soochekov, da seien andere nützlicher. Als Metaller könne er dann zu einem späteren Zeitpunkt seinen Teil beisteuern, das Land in eine bessere Zukunft zu führen. Deshalb habe auch die Flucht nahegelegen. Frau und Tochter sollten nicht all die Gräuel sehen, hören und erleben müssen. Wofür, fragt Soochekov? „Das sind später alles Traumata“, betont er und verweist auf die Belagerung von Mariupol, wo er selbst neun Jahre lang lebte und noch Bekannte hat.

Zumal Verletzungen im Krieg auch schnell körperlich werden könnten. Er habe deshalb die erstbeste Gelegenheit genutzt, um zu gehen, als der Krieg näherkam; wobei Popasna bereits seit 2015 die Frontlinie im Donbass markierte. Eine Rakete sei außerdem im Haus seiner Schwester eingeschlagen. „Der Eingang ist komplett ausgebrannt. Da kann man nicht mehr zurück“, sagt Soochekov. Mit diesem Wissen sei er lieber früher als zu spät gegangen.

Die Parkanlage mit Spielplatz auf dem Firmengelände.
Die Parkanlage mit Spielplatz auf dem Firmengelände.

In Oratiw musste er immerhin nicht ganz bei Null anfangen. Verwandte leben hier, organisierten für ihn und seine Familie ein Gästezimmer im Bürogebäude eines lokalen Agrarunternehmens. Eine Perspektive ist das allerdings nicht. Trotzdem bemüht sich Soochekov, der Familie ein gutes Leben zu ermöglichen. Am Tag nach dem Gespräch freut sich seine Tochter auf einen Ausflug mit ihrem geretteten Fahrrad.

Beitrag veröffentlicht am 19. Jun 2022

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