Andreas Henke: Vom Halberstädter Rathaus in den Landtag

Wenn Andreas Henke durch die Halberstädter Altstadt spaziert, dauert es nicht lange, bis ihm die ersten bekannten Gesichter begegnen. Fast 14 Jahre lang hat er als Oberbürgermeister von Halberstadt die Geschicke im Rathaus geleitet. Als Mitglied der Partei Die Linke gewiss keine Selbstverständlichkeit. Aus der Lokalpolitik ist Henke kaum wegzudenken, seit 1990 ist er Mitglied im Stadt- beziehungsweise Kreistages gewesen. Man kennt sich also.

Doch nach der verlorenen Oberbürgermeister-Stichwahl im Juli 2020 wagt er sich nun auf neues Terrain und ist bei der Landtagswahl auf Listenplatz acht für Die Linke in den Magdeburger Landtag eingezogen.

Kein Wunder also, dass Henke sagt, im Landtag wolle er sich „verstärkt für die Interessen der Kommunen einsetzen“ und führt als Beispiel die Entwicklung des Tourismus im Landkreis Harz an. Als zweite Wahl nach dem verlorenen Bürgermeisterposten will er die neue Wirkungsstätte jedoch nicht verstanden wissen. Er habe durchaus anderweitige Angebote gehabt und sich nach der Anfrage durch Fraktionsspitze und Landesvorstand bewusst für Magdeburg entschieden. Auch wenn dort politisch ein etwas anderes, raueres Klima als in Halberstadt herrschen dürfte.

Konstruktives Miteinander in Halberstadt

In dem Mittelzentrum schätzte Henke das konstruktive Miteinander. Gemeinsam, oft mit großen Mehrheiten quer über die Parteifarben hinweg, seien wichtige Entscheidungen getroffen. Der Ex-OB zählt auf:

  • Das Integrierte Stadtentwicklungskonzept
  • Fragen zur Implementierung des Stadtmarketings
  • Fragen zur Städtebaulichen Entwicklung

Dass Henke in Halberstadt als wirtschafts- und bürger:innen-nah gilt, obwohl er Mitglied bei Die Linke ist, ist gewiss keine Selbstverständlichkeit. Zumal er 2003 noch dem Unternehmer und langjährigem Präsidenten des Wirtschaftsverbundes Roland-Initiative, Harald Hausmann, unterlegen war. 2006 zog Henke dann mit dessen Wohlwollen ins Rathaus ein. „Ich glaube, ich konnte dann die Kritiker sehr schnell davon überzeugen, dass wir da eine genauso gute Arbeit in der Wirtschaftsförderung machen können wie manch andere auch. Weil ich sage: Kommunalpolitik ist eine reine Sachpolitik“, erinnert er sich an so manche verunsicherte Bürger:innen angesichts seiner Parteifarbe. Als den „Ritterschlag“ habe er 2019 empfunden, dass Halberstadt als einzige überdurchschnittlich wachsende Mittelstadt in Sachsen-Anhalt kategorisiert wurde.

Die Wirtschaft im Fokus

Er habe von Beginn an den Kontakt zu verschiedenen Institutionen gesucht, neben der Roland-Initiative auch zu den Kirchen oder Kultur-Einrichtungen. „Die Politik der Verwaltung und des Stadtrates, muss darauf ausgerichtet sein, bestmögliche Rahmenbedingungen zu schaffen für die Unternehmen, die sich hier in Halberstadt ansiedeln wollen, dass die sich optimal entwickeln können, also auch beste Grundlagen für eine optimale Wertschöpfung erfahren können“, sagt er. Sein Ziel sei außerdem gewesen, den Menschen zu bieten, was sie zum Leben brauchen und ihren Vorstellungen eines urbanen Lebens entspreche. Als Geschäftsführer des Nordharzer Städtebundtheaters habe er die Einrichtung gegen so manche geplante Kürzung bei den Landesfördermitteln verteidigt:

„Eine Mittelstadt in dieser Größenordnung mit einem Dreisparten-Theater – die muss man suchen. Da können wir stolz darauf sein.“

Andreas Henke, hier an der Haltestelle Voigtei, war 14 Jahre lang Oberbürgermeister in Halberstadt und ist bei der Landtagswahl 2021 in Sachsen-Anhalt für die Linke ins Parlament eingezogen. Foto: Niklas Golitschek

Andreas Henke

Ex-Oberbürgermeister Halberstadts und Neues Mitglied für die Linke im Landtag in Sachsen-Anhalt

Als einen wichtigen Start-Impuls für die neuere Entwicklung Halberstadts wertet Henke die Bundes-Fördermittel zur Stadterneuerung in den 1990er Jahren. Noch heute hinterlassen die Gassen und Fachwerkhäuser der Altstadt einen guten Eindruck und prägen das Ortsbild. Der langjährige Lokalpolitiker hebt hier vor allem den Einsatz privater Akteur:innen hervor: „Wenn die das wirtschaftliche Risiko nicht auf sich genommen und die Häuser saniert hätten, dann hätten wir mit den Fördermitteln allein nichts machen können.“

So wie die Stadterneuerung skizziert Henke zahlreiche Sachverhalte und verweist gerne auf die Beteiligten; während die Stadt bis zu seinem Abschied den Haushalt zunehmend verbessert habe und 2020 sogar einen Überschuss erzielte.

Nachhaltige Entwicklungen

Die Stadt als Weichenstellerin, die Menschen in der Stadt als tragende Kraft. Sei es ein Modellprojekt zum Breitband-Ausbau, der Wohnungsmarkt, der zu einem Drittel in kommunaler Hand liegt, die wirtschaftliche Entwicklung mit Mittelstands-Betrieben aus verschiedenen Branchen oder die Straßenbahn, die in den 1990er Jahren vor dem Aus stand und nun noch bis 2032 gefördert wird. Bei Letzterer wurde einst gespottet: „Sie fährt dort ab, wo niemand mehr wohnt, und fährt dahin, wo niemand mehr arbeitet.“

Rückblickend – und mit dem heutigen Fokus auf nachhaltige Mobilität – sei es richtig gewesen, am Straßenbahnnetz festzuhalten, sagt Henke: „Die fährt jetzt mittlerweile 130 Jahre in Halberstadt, sie gehört zum Stadtbild dazu. Halberstädter identifizieren sich mit der Straßenbahn.“ Nur in den Fahrgastzahlen zeige sich diese Bindung leider noch nicht. Mit Blick auf die Mobilitätswende halte er es auch für denkbar, das Netz noch weiter auszubauen und weitere Siedlungen oder umliegende Orte anzubinden.

Nachholbedarf bei der Infrakstruktur

Insgesamt müsse der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) mehr auf Pendler:innen aus dem ländlichen Raum ausgerichtet werden. Die Buslinien in Halberstadt richteten sich derzeit vor allem nach dem Schulverkehr. „Das muss sich auch preislich lohnen“, merkt Henke an und regt eine engere Abstimmung zwischen den großen Verkehrsverbünden und Verkehrsunternehmen an, um Fahrpläne – auch auf der Schiene – besser miteinander abzustimmen.

Die Infrastruktur in Halberstadt und in Sachsen-Anhalt insgesamt nennt Henke als einen Schwerpunkt für die kommenden Jahre. Eine Grundschule in seinem Wahlkreis müsse beispielsweise dringend saniert werden. Eine Kindertagesstätte wurde sogar vorsorglich geschlossen, nachdem es zu Kabelbränden gekommen war. In den 14 Jahren seiner Amtszeit als Oberbürgermeister ist es in diesen Fällen nicht gelungen, früher tätig zu werden. „Wir haben viele Kinder-Einrichtungen saniert, aber es geht eben nicht alles auf einmal“, sagt Henke dazu.

Ländlicher Raum vernachlässigt

In der Vergangenheit hätten sich auch viele Förderungen auf Leuchtturmprojekte in Wirtschaftszentren wie Magdeburg konzentriert. „Und im ländlichen Raum hat man manchmal schon Klimmzüge machen müssen, um irgendwelche Fördermittel zu bekommen“, sagt er. Die Kommunen schöben mittlerweile einen zweistelligen Millionenbetrag vor sich her, viele Brücken und Straßen seien stark sanierungsbedürftig. „Das ist ganz wichtig, auch in Zukunft hier stark in die Infrastruktur zu investieren“, betont er. Auch die Reaktivierung stillgelegter Schienennetze könnte dafür überlegt werden.

Mit seinem Abschied aus dem Rathaus sieht Henke Halberstadt gut aufgestellt, in den vergangenen Jahren habe es auch vermehrt Zuzüge etwa aus Berlin oder Köln gegeben:

Sie finden hier alles zum Einkaufen, soziale Fürsorge, Pflegeeinrichtungen, medizinische Versorgung. Wir haben hier in Halberstadt kein Hausarzt-Problem – also noch kein großes wie in anderen Städten oder ländlichen Räumen. Wir haben Kultureinrichtungen, Freizeit- und Sport-Zentren. Wir haben Museen, Theater und Kino. Also eigentlich ist alles da.

Andreas Henke

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