Andreas Gottschalt: Unbequemes Aushängeschild aus Halberstadt

Mit der Initiative „GastroHilft“ hat Andreas Gottschalt ein Aushängeschild für Halberstadt geschaffen. Gewinner des Förderpreises „Zu gut für die Tonne!“, die Bronzemedaille beim „Einheitspreis“ und Aufmerksamkeit auf sämtlichen Kanälen.

Gastro-Hilft: Reaktion auf Tafel-Schließungen

Als im März 2020 Tafeln und andere Sozialverbände wegen der Corona-Beschränkungen ihre Angebote reduzierten und einstellten, schloss sich Andreas Gottschalt mit Einzelhandel, Gastronomen und Freiwilligen aus Halberstadt zusammen. „Wir haben überlegt: Was passiert mit diesen Lebensmitteln, die da in den Supermärkten bleiben?“, schildert er. Nach wenigen Anfragen sei die Initiative bereits auf einem Berg von Lebensmitteln gesessen: „Wir haben schnell gemerkt, es platzt aus allen Nähten.“ Für die zwei Restaurants, die damit zunächst kostenlos Essen für die Allgemeinheit zubereiteten, sei das zu viel geworden.

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Über den Foodsharing-Fairteiler des Soziokulturellen Zentrums Zora verteilten die Freiwilligen dann zusätzlich die Lebensmittel – pandemiegerecht im Außenbereich des Geländes. Kostenlos, ohne Nachfragen, für jede:n. „Wir haben eine Struktur daraus gemacht“, sagt Gottschalt und erinnert sich an lange Schlangen mit bis zu 80 Menschen. „Das wurde super angenommen“, bilanziert der Mitbegründer von „GastroHilft“.

Doch damit nicht genug: Seit inzwischen mehr als einem Jahr kocht die Gruppe täglich eine warme Mahlzeit für die Obdachlosenunterkunft in Halberstadt; wie im Bild zu sehen, grillt Gottschalt auch Mal mehrere Stunden für die Runde. „Es waren auch alle total zugänglich und dankbar für sämtliche Unterstützung. Und Wahnsinn! Es hat funktioniert“, staunt Gottschalt noch immer.

Denn die Initiative habe gewollt keine feste Struktur. Jede:r bringe sich ein, wie es passt; ohne Verpflichtungen. Dass das so lange funktioniert, sei keineswegs sicher gewesen. „Wir kannten uns vorher fast alle gar nicht“, merkt Gottschalt an. In der öffentlichen Wahrnehmung sei er zwar das Gesicht von „GastroHilft“, betont jedoch im gleichen Atemzug:

Aber ich bin nicht die ganze Arbeit. Das sind eigentlich alle anderen. Das sind wir zusammen.

Andreas Gottschalt

Mitgründer der Initiative „Gastro Hilft“

Doch damit nicht genug: Seit inzwischen mehr als einem Jahr kocht die Gruppe täglich eine warme Mahlzeit für die Obdachlosenunterkunft in Halberstadt; Gottschalt grillt auch Mal mehrere Stunden für die Runde. „Es waren auch alle total zugänglich und dankbar für sämtliche Unterstützung. Und Wahnsinn! Es hat funktioniert“, staunt Gottschalt noch immer.

Denn die Initiative habe gewollt keine feste Struktur. Jede:r bringe sich ein, wie es passt; ohne Verpflichtungen. Dass das so lange funktioniert, sei keineswegs sicher gewesen. „Wir kannten uns vorher fast alle gar nicht“, merkt Gottschalt an. In der öffentlichen Wahrnehmung sei er zwar das Gesicht von „GastroHilft“, betont jedoch im gleichen Atemzug:

„Aber ich bin nicht die ganze Arbeit. Das sind eigentlich alle anderen. Das sind wir zusammen.“

Andreas Gottschalt beim Grillen geretteter Lebensmittel.

Mit der Initiative hat Gottschalt offenbar das gefunden, was er nach der Rückkehr in seine Heimatstadt lange vergeblich gesucht hat: Sozialen Zusammenhalt, Solidarität – über politische Einstellungen hinweg.

Wieso Andreas Gottschalt in die Lokalpolitik gegangen ist

In Halberstadt ist der selbstständige gesetzliche Betreuer bereits zuvor öffentlich in Erscheinung getreten. Als parteiloser Kandidat stellte er sich für die Oberbürgermeisterwahl 2020 und für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt auf. Doch was bewegt einen offensichtlich weltoffenen, vom Solidaritätsgedanken geprägten Bürger dazu, sich auf aussichtslosen Posten dieser Bühne zu stellen? Zumal die Partei Die Linke hier noch verhältnismäßig stark aufgestellt ist. Ist Gottschalt zu links für Die Linke? Er lacht und sagt: „Du hast meinen Satz geklaut. Es ist genau so.“ Auch wenn er sich ungerne in diesem Spektrum verorte.

Er vermisse in Halberstadt und in der Harz-Region die klassisch linken Themen. Insbesondere die jungen Menschen hole die Partei nicht mehr ab. „Ich habe in meiner sehr, sehr forschen Art und Weise versucht, diese Missstände mal auf den Punkt zu bringen und auch mal konkret anzusprechen“, sagt Gottschalt. Ihm sei bewusst, dass er deshalb auf manche unsympathisch wirke und sich vielleicht so manche Tür verschließe.

Keine Kompromisse bei Menschenfeindlichkeit

Doch das sei eben er und das erreiche die Menschen. Und bei manchen Themen kenne er keine Kompromisse; aus der Satire-Partei Die Partei sei er gleich nach den ersten Sexismus-Vorfällen ausgetreten. Er könne nicht Teil einer Gruppe sein, aus der menschenfeindliche Töne kämen. Zumal Die Linke im nahegelegenen Wahlkreis Wernigerode (ebenfalls Landkreis Harz) mit Direktkandidatin Ruth Fiedler fast 18 Prozent im Vergleich zu 2016 einbüßte, die AfD-Kandidat Oliver Mehne dazugewann.

Im Endeffekt war ich bisher nur politischer Konsument. Ich habe mir das angeguckt, bin wählen gegangen und hab gedacht: Rot-Rot passt schon, wenn du wählen gehst. Das passt mir aber heute nicht mehr.

Sieben Jahre lang war Gottschalt weg, lernte das Großstadtleben in Kassel und Leipzig kennen. Als er vor wenigen Jahren zurückkehrte, habe er sich an die Fremdenfeindlichkeit aus den 1990er Jahren erinnert gefühlt. In der heute abgerissenen Plattenbau-Siedlung, in der aufwuchs, hätten die Jugendlichen damals in ständiger Angst gelebt, von Rechten und Nazis wegen ihrer politischen Einstellung verprügelt zu werden. Daher habe sich bei ihm die Einstellung entwickelt, eine solche Atmosphäre nicht mehr zu tolerieren, sagt Gottschalt.

Eine Alternative für Nicht-Wähler:innen

Er habe zudem erkannt: „Wenn du was verändern willst, dann musst du erstens deine Klappe aufmachen und da musst du dich auch trauen, das öffentlich zu machen und vielleicht auch Menschen abzuholen mit dem was du sagst.“ Bei der Bürgermeisterwahl holte er aus dem Stand immerhin 2,06 Prozent und bei der Landtagswahl noch 0,9 Prozent. Für ihn die Bestätigung, dass er mit seiner Meinung nicht allein sei. Er denke, er habe vor allem Nicht-Wähler:innen damit eine Alternative gegeben und ein Stück weit die anderen Kandidat:innen dazu bewegt, für ihre Interessen einzustehen.

Ob sein Stil dann nicht linkem Populismus gleicht? „Kann man so denken. Muss man aber nicht“, erwidert Gottschalt und kontert, dass seine Aussagen faktenbasiert seien. „Bloß mit einfacher Sprache wiedergegeben.“ Das könne auch emotional sein. Erhöhte Hundesteuern und Kita-Beiträge seien eben „scheiße“ für die Familien. „Mir geht es um die Menschen, denen das wehtut“, betont er. Auch allgemein beobachte er eine große Unzufriedenheit mit den überregionalen politischen Akteur:innen. „Ich kann das verstehen, diese Frustration“, sagt Gottschalt. Doch die Probleme würden teilweise auf andere Menschengruppen wie Ausländer:innen projiziert statt auf die Entscheidungsträger:innen.

Langsamer Aufschwung in Halberstadt

So manche Statistik spreche zwar positive Entwicklungen in der Region. Das verkennt Gottschalt auch nicht, auch er spüre den langsamen Aufschwung. Doch sein Fokus liege eben auf den Menschen, die abwandern, die keine Arbeit finden, die keine Bildungsangebote erhalten. „Ich sehe wahrscheinlich die fünf Prozent, die es schlecht haben“, sagt er. Doch mit denen habe er von Berufs wegen, im Ehrenamt und privat tagtäglich zu tun: „Mir begegnen diese ganzen Missstände und mir wird das ganze Leid geklagt. Das kann ich im Endeffekt nur weitergeben.“

Und es sei eben auch eine zunehmend rechte Stimmung erkennbar; selbst im eigenen vormals klar linken Freundeskreis. „Plötzlich treten sie selber selbst rassistisch auf“, hat Gottschalt einen schleichenden, zunehmend extremeren Prozess beobachtet: „Dann sitzt du hier plötzlich und hast um dich herum AfD-Wähler als Freunde. Das ist krass.“ Wie es dazu kam, sei nur schwer zu verstehen. Da geht es wieder um die Perspektiven.

Aus seinem Abitur-Jahrgang etwa sei nur eine Handvoll in Halberstadt geblieben, er selbst sei damals aus Geldmangel und für ein Praktikum zurückgekommen und nun geblieben. Die oft sinnvoll gestalteten Rückkehr-Programme halte er für den falschen Ansatz. „Wir müssen dafür sorgen, dass die gleich von Anfang an hierbleiben und so attraktive Jobangebote bekommen, dass sie gar nicht mehr Nein sagen können“, findet Gottschalt. Doch das ist leichter gesagt als getan.

Sozialarbeit für mehr Zusammenhalt

Als einen Baustein führt Gottschalt an, den sozialen Zusammenhalt zu fördern und wieder mehr auf Sozialarbeit zu setzen. „Wir brauchen hier auch Mal Ideen, die vor allen Dingen unseren Kindern und Jugendlichen eine Welt eröffnet, die sie hier nicht erfahren können oder auch nie erfahren. Manchmal auch aufgrund der Einkommensverhältnisse ihrer Eltern“, fordert er.

Zudem brauche es mehr Netzwerk-Strukturen und Koordination. Informiert zu sein, welche Angebote es gebe, sei die Grundlage dafür. Einen Sozialatlas für Halberstadt habe er bereits 2013 angeregt – sei mit dem Vorschlag jedoch abgeblitzt. Genauso mit seiner vorherigen Initiative „Netzwerke schaffen Bildung“ oder einem Konzept für digitale Bildung, wie das Videospiel „Minecraft“ für den Schulunterricht genutzt werden kann. Sogar in Kiew habe er damit Anklang gefunden. Aber nicht in Halberstadt.

Raum für Begegnungen

Nun, mit „GastroHilft“ scheint Gottschalt auf den ersten Blick das gelungen zu sein, was er sich insgesamt für die Stadt wünscht: Begegnungen schaffen, Geschichten austauschen – ganz egal ob ein Mensch mit Fluchterfahrung, in einer Pflegeeinrichtung oder einer Obdachlosenunterkunft. Dafür brauche es mehr Projekt- und Initiativarbeit wie eben „GastroHilft“. Doch regional werde die Gruppe durch die Verbindung zu seiner Person „sehr kritisch betrachtet“, merkt er an: „Sieben Jahre lang habe ich gekämpft, dass mal irgendetwas ein bisschen gehört wird von dem, was ich mache.“ Es wird gewiss nicht sein letztes Projekt sein.

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