Kaum in Deutschland angekommen, gibt die afghanische Künstlerin Kimia ihre Debüt-Ausstellung in Nürtingen. Ihrem Publikum zeigt die 26-Jährige eindrückliche Botschaften.
Der Blick dieser Augen durchdringt alles. Der Grünstich in den Pupillen zieht Betrachtende sofort in den Bann. Viel mehr ist von der Frau nicht zu sehen, die sich gerade ihren Weg aus dem Bild bahnen will. Sie schaut durch den Riss einer Zeichnung, der in Burka verhüllte Frauen zeigt. Vier Finger ragen heraus, als wollte die Frau aus dieser anonymen Masse ausbrechen. Strähnen ragen hervor, als wehte ein Wind dabei. Bei genauem Hinsehen offenbart sich eine Träne auf der rechten Wange.
Für Besucher:innen des Nürtinger Schauraums ist dieser direkte Augenkontakt die erste Begegnung mit den Werken der Künstlerin Kimia1Kimia bedeutet im Persischen “Alchemie”: Damit will die Urheberin ausdrücken, gewöhnliche Gegenstände in etwas Wertvolles zu verwandeln. Zudem trägt die Protagonistin einer bekannten Novelle den Vornamen. (Künstlerinnenname). Der 26 Jahre alten Afghanin ist genau das gelungen, wonach ihre Protagonistin strebt: Der Unterdrückung einer Terrorherrschaft entkommen, in die Freiheit ausbrechen. „Resilience and Restart“, lautet der Titel ihrer Premieren-Ausstellung im Schauraum des Kunstvereins Provisorium Nürtingen in Deutschland dazu passend.
Erst im Dezember 2025 endete Kimias Tortur mit ihrer Ankunft Deutschland. Drei Jahre lang verharrte sie im Regime der Taliban in Afghanistan, bis sie nach Pakistan ausreisen durfte. Monatelang musste sie sich dort in einem Gästehaus verstecken, um angesichts einer sich zuspitzenden politischen Situation der Abschiebung zu entgehen. „Das war eine sehr stressige Zeit“, sagt Kimia rückblickend. Durch deutsche Unterstützer:innen durfte sie dann doch über das Bundesaufnahmeprogramm einreisen – und ein neues Leben beginnen:
Endlich kann ich frei zeichnen und atmen. Das fühlt sich so gut an. Für jede:n ist es wichtig, an einem freien Ort zu leben. Freiheit ist wie ein Geschenk Gottes.
Auf Instagram folgen Kimia mittlerweile rund 100.000 Menschen aus aller Welt. Doch musste sie ihre Aktivitäten über mehrere Monate einstellen: Als ein Beitrag von ihr große Aufmerksamkeit erhielt, lief auch sie Gefahr, ins Visier der Taliban zu geraten. „Sie suchen die Leute, das ist wirklich gruselig“, sagt sie. Bevor ihr das passieren könnte, suchte sie einen Ausweg. Seit sie Afghanistan verlassen konnte, ist sie wieder aktiv. In Nürtingen feiert sie unmittelbar nach ihrer Ankunft ihre erste eigene Ausstellung.
Dabei sehe sie sich eigentlich nicht als politischer Mensch, sagt Kimia: „Es ist die politische Situation, die das macht.“ Sie habe selbst erst lernen müssen, dass ihre Werke politisch seien. Als Frau in Afghanistan ist die Kunst selbst ein Protest gegen die Regeln. Zudem griff Kimia als junge Künstlerin die eigene Unfreiheit auf. In Kabul studierte sie vor der Machtergreifung der Taliban Fernsehjournalismus. Nachdem die Hauptstadt in die Hände der Islamisten gefallen war, verpufften die Träume einer beruflichen Karriere.
Also brachte Kimia auf Leinwand und später digitales Papier, was sie gerade beschäftigte. Zum Beispiel Frauen beim Lesen oder Tanzen oder mit offenen Haaren, eigentlich Alltagssituationen und in ihrem gesellschaftlichen Kontext doch politisch aufgeladen. Inzwischen adressiert sie Aspekte wie das Bildungsverbot oder die Verhüllungspflicht in Afghanistan direkt. Genauso greift sie andere Themen auf, die sie beschäftigen. „In Iran sind 42.000 Menschen gestorben, weil sie so leben möchten, wie sie wollen. Das ist so verrückt!“, nennt Kimia ein Beispiel2Das Gespräch fand vor dem Angriff der USA und Israels auf den Iran statt..
Sie wolle sich nicht nur der dramatischen Situation in Afghanistan widmen, sondern mit ihrer Kunst verschiedene Situationen rund um den Globus aufgreifen. „In meiner Vorstellung sollten wir als Menschen den Schmerz der anderen nachempfinden, um eine starke Gemeinschaft zu werden“, sagt sie. Politik und Religion trennten, während Kunst verbinden könne.
Eine Besonderheit an Kimias Werken ist, dass sie als Autodidaktin keinem festen Schema folgt. Auch ihr selbst fällt schwer, das in Worte zu fassen: „Ich versuche, einen Stil zu nutzen, der zu mir passt. Ich fange einfach mit einer Skizze an.“ Schließlich habe sie auch noch Zeit, sich künstlerisch zu entwickeln.
Ihre Zeichnungen ließen sich deshalb nur schwer nach den hierzulande gängigen Kriterien einordnen, findet Till Ansgar Baumhauer. Er lehrt als Professor Praxis und Theorie der Bildenden Künste an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen. „Kimias Ästhetik bietet eine niedrige Zugangsschwelle“, sagt Baumhauer. Ihre Werke ließen sich unmittelbar lesen und verstehen, auch ohne kunsthistorisches Hintergrundwissen: „Das ist Kunst für eine große gesellschaftliche Gruppe. Das macht die Stärke aus.“
Baumhauer hat die Künstlerin privat unterstützt und gefördert. Um ihre lange ungewisse und schwierige Einreise zu ermöglichen, hat er unter anderem mehr als ein Jahr eine Wohnung gemietet und finanziert. Zwischen 2009 und 2011 besuchte er selbst Afghanistan mehrfach als archäologischer Zeichner. Für seine künstlerische Promotion beschäftigte er sich anschließend sich mit der Visualisierung von Kriegserfahrungen in Langzeitkonflikten an den Beispielen des Dreißigjährigen Krieges im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation sowie den jahrzehntelangen Konflikten in Afghanistan. Mit dieser Erfahrung sagt er, dass Betrachtende für ein besseres Verständnis von Kunstwerken mit Entstehungshintergrund zum Beispiel in Afghanistan die „zeitgenössische europäische Brille“ ablegen müssten.
Das beste Beispiel ist das Werk einer Frau, die mitten im brennenden Kriegsgebiet eine Decke mit dem Motiv des Sternenhimmels van Goghs bestickt. Diese Referenz mag europäischen Betrachtenden vertraut vorkommen, zumal dem Urheber angesichts seiner Biografie inzwischen ein aufgeladenes Künslter-Rollenbild zukommt. Doch ein solcher fachliche Interpretationsansatz komme aus einer falschen Richtung, erklärt der Kunstprofessor: „Das tragen wir als Betrachter:innen rein. Für Kimia ist es die Schönheit, Harmonie, Ruhe und Frieden.“ Entscheidend für eine angemessene Bewertung von Kimias Arbeit sei ihre Sichtweise.
Unter dieser Prämisse lässt sich vielleicht erklären, weshalb Kimias viele Fans aus Afghanistan, der Türkei, dem Iran und Indien kommen. Sie können die Perspektive der Künstlerin aufgrund des eigenen Erfahrungsschatzes tendenziell besser nachempfinden. Ihre Figuration und Realismus finden hier bereits regen Anklang.
Als der Kunstprofessor für den Kunstverein Provisorium die Ausstellung in Nürtingen gemeinsam mit Karin Rehm kuratierte, habe er noch Bedenken gehabt, ob die Werke auch jenseits ihrer Authentizität und Botschaft auch gestalterisch überzeugend seien. Vieles habe zunächst nur digital vorgelegen, weil Kimia aus der Not heraus nur noch am Tablet arbeiten konnte. Frühwerke musste sie in Kabul zurücklassen und vor den Taliban verstecken. Doch zeigt sich Baumhauer von der Wirkmacht auch für ein deutsches Publikum überzeugt. „Die Werke sind so stark, dass sie für sich stehen können. Sie legen den Finger in die Wunde und machen Missstände sichtbar“, sagt er.
Besonders gefallen dem Professor unter diesen Gesichtspunkten die drei handgezeichneten Porträts: Da sei zum einen die weibliche, afghanische Perspektive auf Kunst und Ästhetik, die Kimia sichtbar mache. Zum anderen ließen sie sich jetzt im wechselseitigen Kulturkontext betrachten, da sich die Künstlerin als Autodidaktin von verschiedenen Einflüssen inspirieren ließ. Dass manche ältere Werke der Afghanin vielleicht noch nicht ganz so pointiert und technisch ausgefeilt umgesetzt sein mögen, unterstreiche die schnelle künstlerische Entwicklung der talentierten 26-Jährigen.
Für Kimia sieht der Kunstprofessor jetzt die Herausforderung, sich in einem schwierigen internationalen Markt durchzusetzen. „Ihre Chance hier ist, sich nicht zu verbiegen, sich nicht vorauseilend an die westliche Ästhetik anzupassen. Die große Herausforderung ist, die alte und die neue Heimat zu verbinden“, sagt Baumhauer. Hinzu kommen Aspekte wie das extreme Hochformat, das die Künstlerin bisher für Instagram als Plattform nutzte – das in einer analogen Welt allerdings unüblich ist. Genauso böten die musikalisch unterlegten Animationen, mit denen Kimia arbeitet, noch technischen Potenzial. „Ich bin total gespannt, wohin sie sich entwickeln wird“, sagt der Kunstprofessor.
Neben aktuellen Geschehnissen wie den Freiheitskämpfen in Afghanistan, Kurdistan oder Iran bietet auch Kimias eigene Biografie noch zahlreiche Ansätze für weitere Werke. Denn der Preis für ihr Leben in Freiheit war das Leben mit ihrer Familie, die in Afghanistan zurückbleiben musste. Die extremistische Ideologie der Taliban trennt sie nun zum zweiten Mal von ihrem Vater: Während der ersten Terrorherrschaft arbeitete er mangels Perspektiven in Russland, wo er zuvor studiert hatte. Erst als Kimia zwölf Jahre alt war, kehrte er dauerhaft zur Familie zurück. Für sie sei das „wie eine Widergeburt“ gewesen. Jetzt ist sie diejenige, die das Land verlässt. „Beim ersten Mal hatte ich keinen Vater, beim zweiten Mal keine Familie“, die 26-Jährige. Viele Afghan:innen teilten dieses Schicksal.
Die Freude über die Freiheit mischt sich mit dem Verlust der Familie und der Sorge um die Liebsten und die Millionen unterdrückten Mädchen und Frauen. „Man lebt durch sie und kann das nicht zurücklassen“, sagt die Künstlerin: „Ich weiß, wie hart es ist, unter diesen verrückten Regeln zu leben. Die Verbindung bleibt.“ Eben diese „dummen Regeln“ wolle sie nicht akzeptieren und eine Stimme dagegen sein.
Ein Ziel hat Kimia bereits jetzt mit ihrer Kunst erreicht: Sie findet Anklang rund um den Globus. Von Kabul über Islamabad und Nürtingen könnte es bald weiter nach Paris und New York gehen. „Es fühlt sich toll an, sie beim Start zu begleiten“, sagt Co-Kuratorin Karin Rehm und hebt die Bedeutung der Werke hervor: „Kimia erinnert uns daran, uns miteinander als Menschen zu verbinden.“
Für Kimia sind es in Nürtingen indes auch ganz neue Eindrücke, die sie in ihrer künftigen Arbeit beeinflussen werden. „Ich genieße es so sehr, in ein Café zu gehen und zu sehen, wie sich ältere Frauen treffen“, sagt die 26-Jährige. Solche in Deutschland selbstverständlichen Alltagsszenen seien in Afghanistan undenkbar und zeigten ihr, dass sie an einem sicheren Ort lebe.
Nach all den Rückschlägen zeigt sich nun der Optimismus bei der 26-Jährigen. „Ich kann mich mit einer neuen Umgebung verbinden. Das macht mich zu einer neuen, starken Person“, sagt sie. Sie könne den Tag kaum abwarten, an dem auch die Millionen Afghaninnen diese Freiheit spüren dürfen. Ihre Biografie zeigt, wie weit die Hoffnung tragen kann.
Beitrag veröffentlicht am März 8, 2026
Zuletzt bearbeitet am März 8, 2026
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