Tatiana Ovays: Binnenvertriebene aus Sjewjerodonezk wagt Neustart in Winnyzja

Bevor die erste Frage gestellt ist, zückt Tatiana Ovays ihr Telefon. Sie weiß bereits, dass es um ihre Flucht aus Sjewjerodonezk gehen wird und will einen Eindruck aus ihrer Stadt geben. Die 48-Jährige öffnet die Instagram-Seite des Nachrichtenkanals LHS 1934 Severodonetsk.

Im Bann der Bilder

Sie wirkt fast zwanghaft, wie sie mehrere Minuten durch die Timeline scrollt: ausgebrannte Balkons, zerborstene Scheiben, zertrümmerte Fassaden. Ihre zerstörte Heimatstadt aus der Ferne so zu sehen, fällt ihr sichtlich schwer – und doch kann sie nicht wegschauen. „Wenn gekämpft wird, kann die Feuerwehr nicht kommen, um zu helfen“, merkt sie an.

Das Gespräch findet Anfang Mai in Winnyzja statt, noch lange bevor sich ukrainische und russische Truppen eine erbitterte Schlacht um die strategisch wichtige Stadt liefern. Doch bereits zu diesem Zeitpunkt ist das Ausmaß der Zerstörung erheblich und Ovays hat ihre Heimat längst verlassen. Im Stadtzentrum gebe es sogar einen provisorisch eingerichteten Friedhof für die Toten, erzählt Ovays: „Nur für Zivilisten.“

15 Tage Krieg

Am 7. März, 15 Tage nach Beginn der russischen Großoffensive, hat Ovays Sjewjerodonezk verlassen. „Wir haben auf einen Moment gewartet, an dem nicht so viel gekämpft wurde“, schildert sie. Bis dahin leitete Ovays neun Minimärkte in der Region. Während manche Mitarbeiter:innen sich nicht mehr getraut hätten, zur Arbeit zu kommen, habe sie selbst während Bombardierungen noch weitergemacht. „Die Märkte mussten offenbleiben und Essen und Produkte anbieten, weil die Leute Panik hatten und alles gekauft haben“, sagt sie.

Tatiana Ovays ist aus Sjewjerodonezk geflüchtet und baut sich in Winnyzja ein neues Leben auf.
Tatiana Ovays ist aus Sjewjerodonezk geflüchtet und baut sich in Winnyzja ein neues Leben auf.

Die Ware überhaupt zu bekommen, sei dann die nächste Herausforderung gewesen. Der Brotlieferant zum Beispiel habe sie nicht mehr erreicht: „Die Fahrer:innen konnten wegen der Kämpfe nicht mehr in die Stadt kommen.“ Also sei sie mit ihrem Mann losgefahren, habe das Brot selbst abgeholt und in die verschiedenen Stadtteile gebracht. In Schutzräumen habe sie derweil keine Zuflucht suchen wollen. „Wenn ich gearbeitet habe, war es einfacher, die Situation zu verstehen und sich daran anzupassen“, sagt Ovays.

Ausgangssperre erschwert Flucht

Als sich dann ein passender Moment ergab, ergriff sie mit ihrer Familie die Flucht. Diesen zu finden, sei jedoch nicht einfach gewesen. „Wir mussten oft anhalten und wieder warten“, schildert sie. Zum einen waren da die Kämpfe, zum anderen begann die Ausgangssperre bereits um 17 Uhr. Zumal sich Tausende Menschen in Bewegung setzten und Staus den Verkehrsfluss weiter unterbrachen.

Am ersten Tag erreichte die Familie immerhin das rund 80 Kilometer entfernte Slowjansk. „Menschen, die wir vorher noch nie gesehen haben, haben uns einfach ihre Wohnungsschlüssel und Essen gegeben“, zeigt sich Ovays noch immer überrascht von der enormen Hilfsbereitschaft. Ihr sei auch angeboten worden, länger in Slowjansk zu bleiben. Doch wegen der Ausschreitungen 2014 hier habe sie den Westen des Landes angepeilt. „Zuerst wollten wir in die Region Lwiw“, sagt Ovays.

Nur eine Route führt in Sicherheit

Doch bis dahin stand noch ein weiter Weg von mehr als 1000 Kilometern bevor, als sie sich am nächsten Morgen von Slowjansk auf den Weg machten. „Es waren mehr als 240 Kilometer Stau“, beschreibt die 48-Jährige die Automassen, die sich zu dieser Zeit in Bewegung setzten; wobei die Längenangabe kaum überprüfbar ist. Denn die einzige Route aus der Donezk-Region führte über Dnipro. Nördlich nach Charkiw auszuweichen, war wegen der dortigen Bombardierungen keine Option. Mit durchschnittlich 20 Kilometer pro Stunde seien die da nur vorangekommen, da auch Militär-Checkpoints den Verkehrsfluss bremsten. „Es war unmöglich, schneller zu fahren“, erinnert sie sich.

In Dnipro seien Ovays und ihre Familie jedoch abgewiesen worden, weil die Stadt bei Ankunft bombardiert wurde. „Sie haben uns nicht reingelassen“, sagt sie noch immer ungläubig. Wieder einmal Fremde hätten dann in der Nähe einen Schlafplatz angeboten.

Um die Mittagszeit verließen sie die Herberge und fanden eine Frau, die Hilfe benötigte: „Sie hatte ein Auto aber keinen Fahrer.“ Sie habe einfach Richtung Lwiw gewollt. Als sie dann einen Bus in die Westukraine für sich und die drei Kinder fand, habe sie Idee verworfen und diese Lösung bevorzugt.

Hilfsbereitschaft führt ins nächste Dilemma

Dieser Zeitaufwand bedeutete für Ovays und ihre Familie das nächste Dilemma: Als sie abends in Kropyvnytsky ankamen, seien sie erneut abgewiesen worden. Ab 19 Uhr galt Ausgangssperre. „Um 23 Uhr sind wir in Uman angekommen und durften auch nicht rein“, sagt sie. Noch nicht einmal um Wasser zu kaufen oder auf die Toilette zu gehen, hätten sie in die Stadt können. An den Tankstellen auf der Strecke waren durchweg lange Schlangen. Ihre 26-jährige Tochter sei zwischenzeitlich panisch geworden, nachdem sie in Sjewjerodonezk die Wohnung für zwei Wochen nicht verlassen hatte: „Sie hatte Angst, getötet zu werden.“

Über eine App, in der hilfsbereite Menschen Schlafplätze anbieten, fand sie schließlich spät in der Nacht noch eine Gastgeberin. „Ich wollte um die Uhrzeit niemanden mehr anrufen“, merkt sie an. Doch diese Frau habe auf ihre Nachricht reagiert und Ovays direkt eingeladen. Alles, womit sie sich vorab verifizieren konnte, sei ihr Instagram-Account gewesen. Das habe der Gastgeberin an Vorabinformationen gereicht. „Yulia hilft immer noch Menschen, die aus anderen Regionen flüchten“, erzählt Ovays begeistert.

Suche nach einer Unterkunft

Nach insgesamt rund 18 Stunden Autofahrt kamen sie schließlich um 5.30 Uhr morgens im 570 Kilometer von Dnipro entfernten Winnyzja an. „Wir haben eine halbe Stunde gewartet, weil ich mich ein bisschen geschämt habe“, erzählt sie. Doch als die Müdigkeit sie übermannte, wählte sie Yulias Nummer – die sofort abnahm und die Familie zu sich einlud. Ein Raum mit einem Sofa und Matratzen auf dem Boden bot der vierköpfigen Familie mit Hund immerhin einen Schlafplatz.

Zwei Tage Wohnungssuche blieben zunächst ohne Ergebnis. „Alles war belegt“, sagt Ovays. Nach einem Aufenthalt in einem Hostel zogen sie dann in eine Schule um, die als Aufnahmezentrum diente. „Aber meine Enkelin ist noch jung“, merkt sie an. Für Erwachsene sei eine solche vorübergehende Unterkunft in dieser Situation akzeptabel, doch für die Kinder wollte sie einen besseren Ort. Nach einer Nacht habe ihre Tochter auch selbst beschlossen, den Ort am Folgetag zu verlassen.

Ovays‘ Schwiegersohn fand schließlich über einen Bekannten das Angebot einer Familie, die rund 40 Kilometer von Winnyzja entfernt in Khmelnitsky lebt. „Sie hatten nicht Platz für alle, aber haben meine Tochter und meine Enkelin aufgenommen“, sagt sie. Damit konnten die 48-Jährige und ihr Mann nach einer kleineren Wohnung suchen.

Per Zufall zur eigenen Wohnung

Beim morgendlichen Spaziergang mit dem Hund traf sie dann eine Frau, die Hilfe anbot und Ovays an eine Hilfsorganisation vermittelte. Als sie gerade auf dem Weg zu ihrer Tochter war erfolgte die freudige Nachricht: Sie könne eine Ein-Zimmer-Wohnung bekommen. 4000 Hrywnja, rund 130 Euro, sollte sie monatlich kosten. Ovays sagte sofort zu. Doch in Khmelnitsky angekommen folgte eine andere Überraschung. Denn ihre Tochter hatte lediglich ein Bett in einem Durchgangszimmer, in anderen Räumen wohnten Verwandte der Gastgeberfamilie aus Mariupol und Charkiw. „Ich habe ihr gesagt: Du kannst mit uns nach Winnyzja kommen und in der Ein-Zimmer-Wohnung leben“, sagt Ovays. So wäre die Familie wenigstens zusammen. Das Angebot nahm die Tochter an.

Einen Monat lebten die vier zusammen in der Wohnung, deren Miete wöchentlich bezahlt werden musste; falls die Familie doch weiterzieht. „Dann haben wir unsere Tochter und Enkelin in den Bus nach Tschechien gesetzt“, führt Ovays weiter aus – denn auch in Winnyzja schlugen zwischenzeitlich Raketen ein. Wieder wachten sie nachts auf wegen der Einschläge: „Es ist besser für das Kind, in Europa zu sein, weil dort keine Sirenen und keine Bomben sind.“ Sie selbst habe sich gegen die Flucht ins Ausland entschieden, um bei ihrem Mann zu bleiben. Zumal ihre Eltern 80 Jahre alt sind und Sjewjerodonezk zunächst nicht verlassen wollten. Inzwischen sind sie auch nach Winnyzja gekommen.

Schnelle Ankunft

Mit ihrem neuen Zuhause konnte sich Ovays derweil schnell anfreunden. „Die Stadt ist schön und die Leute nett“, sagt sie: „Als wir in die Wohnung kamen, hatten wir nichts: kein Geschirr, kein Bett – wirklich nichts.“ Zunächst habe sie sich bei den Nachbar:innen vorgestellt, damit die sich nicht über die Fremden wunderten. „Am Eingang hing ein Schild, dass die Hausverwaltung informiert werden soll, wenn Fremde auftauchen“, merkt sie an. Innerhalb von 30 Minuten hätten die Nachbar:innen alles Notwendige organisiert. „Geschirr, Löffel, Suppen, Marmelade, Kissen – sie haben einfach für uns gesammelt“, sagt die 48-Jährige sichtlich gerührt. Dadurch habe sie sich bereits am ersten Tag „angekommen“ gefühlt.

Mittlerweile hat sie auch eine größere Unterkunft gefunden und lebt mit ihren Eltern in einer Drei-Zimmer-Wohnung zusammen. Durch die lokale Unterstützung zahlten sie keinen überteuerten Preis. Auch Arbeit hat sie inzwischen gefunden. „Ich bin in jeden Minimarkt, habe angeboten, als Verkäuferin zu arbeiten und meine Telefonnummer dort gelassen“, erzählt sie. Doch vergeblich. Eine 48-Jährige wolle niemand mehr einstellen.

Neues Arbeitsfeld

Zufällig lernte sie dann Svetlana kennen, die bereits 2014 vor dem Krieg in Donezk nach Winnyzja flüchtete und nun für eine UN-Organisation andere Binnenvertriebene für finanzielle Hilfen registrierte. Sie schlug Ovays als Arbeitskollegin vor. „Wir reden mit den Menschen und hören ihnen zu. Ich verstehe, was sie mir erzählen – ich verstehe den Horror, den sie erlebt haben“, sieht sich Ovays in ihrer neuen Arbeit am passenden Ort.

Auch wenn sie sich in Winnyzja schnell ein neues Leben aufgebaut hat, steht für sie fest: „Ich will wieder nach Hause und es aufbauen.“ Mit fast 50 Jahren könne sie sich auch nicht mehr vorstellen, wie ihre Tochter das Land zu verlassen, eine neue Sprache zu lernen. „Ich hoffe, das ist gut für sie“, merkt Ovays an.

Schwierige Kontakte

Deutlich schlechter sehe das Verhältnis zur Familie ihres Mannes aus. Der Schwiegervater lebe in Russland und sei „gehirngewaschen“. „Mein Mann hat ihm gesagt, dass Russland uns angreift und er sagte: ‚Verstehst du nicht, dass sie kommen, um euch zu befreien?‘“ Er habe auch angeboten, die Familie in Russland aufzunehmen; dabei sei ihr Sohn und Schwiegersohn selbst beim ukrainischen Militär. Daraufhin hätten sie den Kontakt abgebrochen. „Die Bomben fliegen über uns“, betont sie. Als russische Muttersprachlerin versuche sie nun auch, auf Ukrainisch zu wechseln. „Ich bin durch die ganze Ukraine gereist bis nach Uschhorod – niemand hat uns je unterdrückt“, untermauert sie. Doch nach dem Sieg brauche es eine Mauer zwischen der Ukraine und Russland.

Wo Sohn und Schwiegersohn sind, wisse sie derweil selbst nicht. „Wir bekommen alle drei Tage eine Nachricht, dass sie noch am Leben sind“, erzählt Ovays. In den ersten Kriegstagen sei die Verbindung komplett abgebrochen, sie so ohne jede Information gewesen: „Ich bin in die Kirche gegangen, stand da, weinend.“ Sie habe zu Gott gebetet, dass sie am Leben bleiben.

Beitrag veröffentlicht am 06. Jul 2022

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