Teil V: Bangen auf den letzten Metern

Unsere Autorin, Jules, ist kurz nach Beginn der russischen Großoffensive von Deutschland in die Ukraine gereist, um ihre Schwester noch einmal zu sehen. Die Grenzkontrolle stellte sie noch einmal vor eine Probe, bevor die emotionale Ankunft anstand.

Teil IV verpasst? Hier lesen.

Drei Tage bin ich jetzt unterwegs. Vom mitteldeutschen Kassel aus gestartet habe ich nun die rumänisch-ukrainische Flussgrenze erreicht: Hier, im kargen Flüchtlings-Checkpoint Isaccea, sitze ich am 10. März 2022 im blauen Aufblaszelt; neben mir meine neuen Bekannten Katya und Lena. Wir warten auf die Fähre zum letzten Grenzübergang.

Fast wie Schiffe in der Nacht

 In mir köchelt unaufhörlich die Panik, die mich seit dem Anfang der russischen Großoffensive begleitet. Angst hat mich erst zu dieser Reise getrieben – Angst um meine ältere Schwester Zhanna, die in Izmail, auf der anderen Seite dieser Grenze, dem Krieg trotzt. Die ich so lange nicht mehr gesehen, nach der ich mich so lange gesehnt hatte und um die ich nun ständig Angst haben muss.

Ich denke an die Schwierigkeiten unterwegs zurück, an die Erfahrungen von Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe; an die Begegnungen mit Flüchtenden: Fremde persönliche Schicksale, die meines kurz gestreift haben. “Wie Schiffe in der Nacht”, heißt ein englisches Sprichwort – aber so harmlos anonym ist es nicht gewesen; nicht hier; nicht jetzt. 

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Ich staune über mich, dass ich es bis hierher geschafft habe – ein bisschen gönne ich mir die Selbstzufriedenheit. Mir ist es gelungen, mein eigenes Fell immer wieder schmerzhaft gegen den Strich zu bürsten, allen Hindernissen zum Trotz. Aber die Zynikerin in mir warnt davor, sich zu früh zu freuen.

Sorge um den Grenzübertritt in die Ukraine

Katya und Lena, zwei der wunderbaren Menschen, die ich unterwegs kennenlernen durfte, sind Bekannte meiner Schwester aus Odessa, die wegen des Krieges bei ihr untergekommen sind und von ihr von Izmail aus an die Grenze geschickt wurden, um mich “abzuholen” – zu groß war die Sorge meiner Schwester, dass ich spätestens am Grenzübergang Schwierigkeiten bekommen würde. Mit meinem ungenügenden Russisch, meinem deutschen Pass, in dem als Geburtsort “Moskau” eingetragen ist.

Lena ist etwas älter als ich – gelassen, souverän, herzlich. Katya ist jünger, schüchtern, empfindsam – aber scharfsinnig, aufmerksam und manchmal von einem unterschwelligen Schalk beseelt. Jetzt allerdings vergräbt sie gerade ihr tränenüberströmtes Gesicht an Lenas Schulter: Sie musste sich vorhin von ihrer Partnerin verabschieden, die als Geflüchtete in Rumänien zurückbleibt.

Kinder auf der Rückkehr

Wir sind nicht die einzigen im Zelt: Unter der Handvoll, die zurückkehren, sind unter anderem zwei alte Damen ohne Gepäck, eine davon blind. Sie siezen sich höflich. Diejenige, die die Blinde führt, macht sowas wohl nicht oft; sie vergisst, rechtzeitig vor Hindernissen zu warnen. Eine junge Mutter fällt mir auf, allein unterwegs mit einem vielleicht 5-jährigen Mädchen. „Setz die Mütze richtig auf, sonst erkältest du dich“, sagt sie fürsorglich und rückt ihrer Kleinen die Mütze zurecht. Das Mädchen trägt einen rosafarbenen Minnie-Maus-Rucksack auf dem Rücken und ist sehr ruhig.

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Überhaupt sind mir Kinder auf den Fluchtabschnitten, die ich mitbekommen habe, als extrem stoisch aufgefallen. Sind sie einfach erschöpft, resigniert, zu traumatisiert, zu wohlerzogen, oder alles zusammen? „Wenn ich das wäre in dem Alter, ich würde mit dem Heulen nicht aufhören“, denke ich zu oft – in Schlangen, Wartehallen, Bahnhöfen, Zelten. Was man so erwartet von chaotischen Übergangs-Orten: kindliche Ungeduld, überfordertes Geschrei, Trotzanfälle, generell: Kinderlärm – ist mir kaum begegnet.

Auf der Fähre nach Izmail

Die Fähre, auf die wir endlich gescheucht werden, ist eigentlich ein Frachter; die eine kleine Kajüte ist schnell überfüllt. Lena, Katya und ich drängen uns draußen an Deck zusammen, im reißenden Wind. Ich sehe zum ersten Mal die Donau. Blau ist sie nicht.

Das trübe, schmutzige Graublau einer verwischten Winterpalette umgibt uns. Doch als wir ablegen, blubbert etwas wie Euphorie in mir hoch: Ich habe es tatsächlich geschafft – fast! Sobald ich drüben an Land bin, trennen mich nur noch 40 Autominuten von meiner Schwester – nach drei verfluchten Tagen voller Hoffnung und Hindernisse. Doch nichts hier ist ohne bitteren Beigeschmack – wie auch? Nur eine halbe Stunde Fluss liegt zwischen Rumänien und der Ukraine – eine halbe Stunde graues Wasser zwischen Krieg und Frieden, Ruhe und Panik, zwischen Sicherheit und absolutem Verlust.

Die Videos und Fotos, die ich vom Übergang mache, schicke ich meinem besten Freund, damit ich sie sofort löschen kann. Ein einziges Mal hatte ich mit einem Militärposten zu tun, vor Jahren – in Russland. In einem jener magischen Sommer, die ich als Teenager bei meiner russischen Familie verbrachte, beluden Papa und ich seinen kleinen Van mit Proviant und machten uns wie jedes Jahr von Moskau aus auf den Weg in den heißen gelben Süden, zu Großmutters Datscha. Aus der gerade eigenständig gewordenen Ukraine stießen dann immer Zhanna und ihr Sohn, mein gleichaltriger Neffe, dazu.

Unterwegs passierten Papa und ich die mächtige Wolga, und ich knipste sie aus dem Fenster, damals noch mit einer analogen Kamera, um das Foto meinen wolgadeutschen Großeltern daheim in Deutschland zu zeigen. In der Mitte der Brücke versperrten uns Militärs rabiat den Weg: Irgendwo unten am Ufer, versteckt hinterm Gebüsch, lag eine geheime Militärbasis. Keine Schilder warnten davor, nichts.

Die Soldaten schnauzten uns an, kontrollierten Vaters Papiere, durchsuchten den Wagen, unser Gepäck; ich musste vor ihren Augen den gesamten Film belichten, wenn ich den Fotoapparat behalten wollte. Als wir endlich weiterdurften, atmete Vater tief auf. “Gott sei Dank! Hätten sie herausgefunden, dass du deutsche Staatsbürgerin bist, hätten sie uns niemals einfach gehen lassen!” Die Erleichterung in seiner Stimme machte fast mehr Eindruck auf mich als alles andere.

Nun also wieder: Militärs, sowjetischer Schule womöglich, und auch noch im Krieg.

Ich bibbere innerlich, als wir auf der anderen Seite der Donau unsere Ausweisdokumente zeigen sollen. Und, natürlich: Nur über meinen Pass stutzt der Grenzer lange und intensiv, kneift misstrauisch die Augen zusammen. Gottlob gibt es Lena, die umso gelassener mit ihm redet, je finsterer er dreinblickt. Ich sage kaum ein Wort und wenn, dann stotternd. Überall stehen Soldaten, die die Szene beobachten. Zum ersten Mal sehe ich Maschinengewehre von Nahem und finde, sie sehen wie Spielzeug aus; oder vielleicht rede ich es mir ein.

Tests und Fragen bei der Einreise in die Ukraine

„Die alte Mutter ist erkrankt, sie muss ihrer Schwester bei der Pflege helfen“, lügt Lena ohne mit der Wimper zu zucken auf die Frage hin, warum gerade ich gerade jetzt in die Ukraine muss.

Der Grenzer verlässt das Kontrollhäuschen:

„Wartet hier!

Nach 20 Minuten in der Kälte ertönt plötzlich von irgendwoher ein Ruf, auf Deutsch:

„Julia, komm zu mir!

Es dauert, bis ich begreife, dass tatsächlich ich gemeint bin. Es ist ein Test.

“Ich komme schon!”, rufe ich auf Deutsch zurück und hüpfe betont fröhlich ins niedrige Gebäude, vor dessen Tür uns ein Soldat winkt.

Er ist ein blutjunger Mann, ein Junge noch – mit dem Gewehr in der einen, meinem Pass in der anderen Hand. Er schaut mich schlau von unten herauf an:

„Wo ist denn Ihr russischer Pass, Julya?!“

Er hält das offenbar für eine gelungene Fangfrage.

„Ich habe keinen russischen Pass.“

Meine Verblüffung ist echt, zugleich bin ich mir bewusst, eine Rolle zu spielen. Ich fange an zu dissoziieren.

„Ach nein? Wo sind Sie denn geboren?“

„In Moskau.“

„Aha! Und warum haben Sie dann keinen russischen Pass? Welche Staatsbürgerin sind Sie?“

„Deutsche. Ich, äh… wurde als Kind nach Deutschland gebracht.”

Ich verhasple mich, benutze die falsche Grammatik.

Seine steinerne Miene ist immun gegen mein nervöses Lächeln:

„Ach so?“

“Ja. Ich bin deutsche Staatsbürgerin, das steht da doch.“

„Nur deutsche…?“

„Ja.“

„Warum ist Ihr Pass dann grün, und nicht rot?“

„Ich weiß es nicht, ich habe ihn nicht ausgestellt.“  

“Alle Pässe der EU sind rot! Und wieso ist der Pass nicht biometrisch?”

“Natürlich ist er biometrisch…”

“Nein, ist er nicht! Ein biometrischer Pass hat Fingerabdrücke!”

“Mir wurden dafür Fingerabdrücke abgenommen…”

Der junge Mann und ein älterer Soldat tuscheln miteinander. Unter meiner dummdreisten Fassade vergieße ich literweise Schweiß, mir ist schwindelig. Wie verdammt gut es ist, dass ich alle Fotos und Videos gelöscht habe, wird mir Zhanna später bestätigen: Handy-Kontrollen sind keine Seltenheit. Auf ein großzügiges Hinwegsehen ist nicht zu hoffen: Die Fragen reißen nicht ab.

“Wo ist das elektronische Siegel? Hier, sehen Sie? Auf jedem EU-Pass ist sonst so ein digitales Siegel… Warum haben Sie keins?!”

Ich wechsele verzweifelte Blicke mit Lena, die mir wortlos “Bleib ganz ruhig” signalisiert. Die beiden Verhörenden entfernen sich schließlich in einen angrenzenden Korridor.

Wir drei machen halblaut Galgen-Witze, dass ich jetzt nur noch beweisen muss, wie schlecht ich Russisch spreche.

Innere Panik

Aber innerlich ist mir schlecht vor Angst, ich bin kurz vor einer Panik-Attacke, wage aber nicht, meine Tablette zu nehmen: Es sind genug misstrauische Augen im Raum, die mich beobachten. Was, wenn ich nicht durchgelassen werde? Was, wenn die ganze Reise umsonst war? Was, wenn sie mich verhaften, für eine Art Spionin halten…?

Kurz bevor ich durchdrehe, fällt mir endlich ein, dass mein Reisepass ein “vorläufiger” ist – ich muss das russische Wort googlen.

Lena, Gott segne sie, rennt sofort furchtlos den Militärs hinterher, um es zu erklären – als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan, als mit schwer bewaffneten Soldaten zu plaudern. Es wirkt tatsächlich: Wir werden endlich weitergewunken! Wie verdammt gut, dass meine besorgte Schwester mir ein „Empfangskomitee“ geschickt hat!  

Der eigentliche Grenzübergang, die Trennlinie zwischen Frieden und Krieg, ist aus Maschendraht: ein eiserner Zaun und ein Wachhäuschen mitten im Feld. Ein letztes Mal Papiere prüfen.

Und dann bin ich endlich auf ukrainischem Boden.

Die Anspannung fällt ab

Ich fasse es nicht. Ich dissoziiere noch immer, alles wabert hinter einem Schleier aus Unwirklichkeit: Artur, ein Freund der beiden Mädels, lehnt an seinem Auto, ein paar Meter hinter dem Zaun. Ringsum nichts als Felder. Die Freunde fallen sich lachend in die Arme, witzeln, Angespanntheit weicht Ausgelassenheit.

Zum ersten Mal sehe ich sie, die Ukraine: ausgerechnet so, ausgerechnet jetzt. Wie oft hatte mich Zhanna zu sich eingeladen. Wie oft hat mein Neffe begeistert von seiner Ukraine geschwärmt in jenen magischen russischen Sommern; von ihrer Schönheit und Wildheit, von den weiten Feldern, dem riesigen, tiefhängenden Blutmond der duftenden Sommernächte. “Wenn du zu uns in die Ukraine kommst, vergisst du sofort alle deine Depressionen!”

Wie nach Hause kommen

Jetzt empfängt sie mich mit einem tiefen, von Dunkel zu Hell schwappendem Himmelblau, einer zögerlichen Sonne; wogende, flachsgelbe Kornfelder fliegen vor dem Autofenster vorbei. Ein wehes Ziehen steigt in mir auf, etwas Wehmütiges, das fast schmerzt, und doch, ich weiß es, ist es Freude; eine tiefe, sehr lange vermisste Freude, langsam ansteigend wie ein gewaltiger Fluss nach einem Unwetter; das richtige Gefühl zur falschen Zeit. Ein bisschen fühlt es sich an wie nach Hause kommen.

Die Schwester meiner Heimat, die Heimat meiner Schwester begrüßt mich mit ihren Nationalfarben: unten ein blendend gelbes Kornfeld, darüber der Azur eines aufklarenden Himmels.

Beitrag veröffentlicht am 25. Jul 2022

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