Christian Fuchs aus Berlin evakuiert Ukrainer:innen aus Lwiw

In mehreren Fahrten hat der Berliner Christian Fuchs Ukrainer:innen vor dem Krieg gerettet und sie von Lwiw nach Polen gebracht. Im Gespräch schildert er seine Eindrücke aus dem Land.

Christian Fuchs ist sichtlich erschöpft, als er Anfang März am Mittag im polnischen Przemyśl ankommt. Rund 24 Stunden hat er für die etwa 100 Kilometer lange Strecke von Lwiw gebraucht; die Nacht im Auto verbracht. „Heute waren es extrem viele Autos“, schildert der Berline seine Eindrücke von der ukrainischen Seite. Doch auch die Erleichterung ist ihm anzumerken: Wieder hat er eine Familie, eine Frau und ihre jugendliche Tochter, vor dem Krieg gerettet. Die beiden sitzen am Nebentisch und sehen noch müder als als Fuchs.

Christian Fuchs beim Gespräch in einem Schnellrestaurant in Przemyśl.

Früher Schock

Als am 24. Februar am frühen Morgen sein Telefon klingelt, will Fuchs zunächst nicht glauben, was ihm seine ukrainischen Freunde erzählen. Bomben, Explosionen, russische Invasion? „Da saß ich erstmal am Bett und habe gedacht, es wäre ein blöder Scherz oder die Leute sind besoffen“, erzählt er. Doch als mehr und mehr Familien aus verschiedenen Landesteilen anrufen, realisiert er die Lage – „und da saß ich dann mit Tränen am Bett“.

Für den Berliner steht schnell fest, dass er sich engagieren möchte. Mit Freunden und Familie habe er noch Diskussionen geführt, sie hätten ihn abhalten wollen. „Aber für mich war die Entscheidung klar.“ Also schließt er sich einer Initiative aus Potsdam an, die einen Hilfskonvoi organisiert und fährt nach Lwiw. „Seitdem bin ich permanent am Fahren und Bringen“, schildert Fuchs. Aus der westukrainischen Stadt hat er Freunde, deren Familien und wiederum deren Freunde geholt.

Viele Militärsperren vor Lwiw

Doch die Fahrten von und nach Lwiw sind nicht einfach. Alle fünf, sechs Kilometer habe das Militär Kontrollpunkte aufgebaut mit Barrikaden und Panzersperren, schildert Fuchs. Als er wegen des Frauentages einen Blumenladen suchte, um die beiden Frauen mit einem kleinen Geschenk zu überraschen, sei es dann auch gar nicht so einfach gewesen, zu diesem durchgelassen zu werden. „Aber das war gar nicht so leicht, weil die Dörfer schotten sich auch alle ab“, erzählt Fuchs.

An der Zufahrt seien ebenfalls Kontrollpunkte mit Panzersperren und Barrikaden errichtet und die Bewohner bewaffnet. „Die wollten mich nicht reinlassen mit dem deutschen Kennzeichen.“ Ein Mob von Menschen habe sich dort beraten, sein Auto durchsucht – und ihn dann doch zum Blumenladen gelassen, den er mehrfach auf seinem Handy als Ziel gezeigt habe. Der Berliner schlussfolgert:

Man sieht, dass die Situation angespannt ist. Die Leute sind nervös.

Tausende Menschen warten am Grenzübergang bei Medyka darauf, nach Polen zu gelangen.

Immerhin ein Dutzend Menschen konnten mit seiner Hilfe inzwischen das Land verlassen. Waren es vier oder fünf Fahrten? Das weiß Fuchs schon gar nicht mehr. In dieser Zeit hat er jedoch beobachtet, dass sich die Situation auf der ukrainischen Seite der Grenze täglich ändert. Bei der vorherigen Fahrt habe ihm eine Frau erzählt, dass sie zu Fuß 12 Stunden gewartet habe. Dass er mit dem Auto nun allein für einen Abschnitt von rund einem Kilometer auf der Zielgeraden mehr als sechs Stunden benötigen würde, hätte er daher nicht gedacht. „Aber dann sitzt man wenigstens im Warmen und man hat ja was zu essen“, sagt Fuchs.

Berufliche und private Bezüge

Die Verbindung zur Ukraine kommt für Fuchs beruflich wie privat. Drei Jahre hat er in Kiew gelebt und war nur eine Woche vor der russischen Invasion noch in der ukrainischen Hauptstadt unterwegs. Zudem führt er ein Unternehmen für den Lebensmittel-Im- und Export, darunter auch Saatgut aus der Ukraine und Russland. Wie das durch den Krieg beeinflusst wird? „Das ist eine gute Frage, aber an dem Punkt bin ich noch gar nicht“, sagt der Berliner nachdenklich. Erst einmal stehe die Hilfe im Vordergrund. An Weiterarbeiten könne er momentan ohnehin nicht denken.

Nach einer rund einstündigen Pause macht sich Fuchs dann auch wieder auf den Weg. Die Familie will er in Westpolen absetzen und dann nach Berlin zurückkehren – vorerst. Denn er hat bereits Pläne für die weitere Hilfe und diese umgesetzt: Mitte März rollt ein von ihm organisierter Lastwagen mit zehn Tonnen Lebensmitteln und Hygieneartikeln in das zerstörte Charkiw. Er habe einen Weg gefunden, wie die Spenden den umkämpften Ort sicher erreichen können. Selbst mitgefahren ist er diesmal nicht. „Dazu müsste ich selbstmordgefährdet sein“, sagt er und lacht bitter.

Beitrag veröffentlicht am 20. Mrz 2022

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